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Circular Economy zwischen Theorie und Praxis – Ein Gespräch mit Julian Kirchherr
Veröffentlicht am 16. März 20265 min Lesezeit

Ein Interview mit Julian Kirchherr über Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft gewinnen wir nicht allein. Mit unserer Reihe #StrongerInCircles sprechen wir mit Menschen, die unterschiedliche Perspektiven auf die Circular Economy einbringen.
Für dieses Interview haben wir mit Julian Kirchherr gesprochen. Als Wissenschaftler und Berater beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Kreislaufwirtschaft tatsächlich in Unternehmen umgesetzt werden kann.
Im Gespräch geht es um die Entwicklung des Begriffs Circular Economy in Forschung und Praxis, um zentrale Hürden bei der Umsetzung – und um die Frage, unter welchen Bedingungen zirkuläre Geschäftsmodelle wirtschaftlich skalieren können.
Julian, Du beschäftigst Dich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit der Kreislaufwirtschaft. Wie hat sich der Blick auf den Begriff in Forschung und Praxis in den letzten zehn Jahren verändert?
In der Praxis hat sich der Blick auf die Kreislaufwirtschaft in den letzten zehn Jahren deutlich verändert. Vor etwa einem Jahrzehnt gab es eine große Begeisterung für das Konzept, und viele Unternehmen haben Pilotprojekte gestartet. Inzwischen ist diese anfängliche Euphorie einer gewissen Ernüchterung gewichen. Viele Organisationen haben gemerkt, wie schwierig es ist, einzelne erfolgreiche Pilotprojekte tatsächlich zu skalieren. Kreislaufwirtschaft erfordert ein hohes Maß an Koordination und Orchestrierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Außerdem muss ein zirkuläres Produkt am Ende mindestens genauso gut sein wie ein Produkt aus der linearen Wirtschaft, damit es sich am Markt durchsetzen kann. In der Praxis hat sich daher ein deutlich realistischeres Verständnis der Herausforderungen entwickelt.
In der Forschung hingegen ist die Begeisterung für das Konzept weiterhin sehr groß. Gleichzeitig beobachte ich eine Entwicklung, die mir etwas Sorge bereitet. In den frühen Jahren der Kreislaufwirtschaft war es sehr prägend, dass Forschung und Wirtschaft eng zusammengearbeitet haben. Heute entsteht zunehmend eine eigene Forschungs-“Bubble”, die sich stärker von der Unternehmenspraxis entfernt. Teile der Literatur sind ausschließlich konzeptionell und es werden Themen wie Degrowth stärker diskutiert, zum Teil auch mit viel Dogmatismus. Dabei geht aus meiner Sicht ein Stück weit der ursprüngliche Geist verloren, bei dem Wissenschaft und Unternehmen Hand in Hand an konkreten Lösungen gearbeitet haben. Genau dieser praxisnahe Austausch war jedoch eine große Stärke der frühen Phase der Kreislaufwirtschaft.
In Deiner Forschung hast Du gezeigt, dass es lange Zeit sehr unterschiedliche Definitionen der Circular Economy gab. Warum ist es so wichtig, hier begriffliche Klarheit zu schaffen – gerade für Unternehmen, die konkrete Maßnahmen umsetzen wollen?
Es stimmt, dass ich in der wissenschaftlichen Literatur vor allem durch meine Arbeit zu den Definitionen der Kreislaufwirtschaft bekannt geworden bin. In meiner allerersten Studie zur Kreislaufwirtschaft habe ich mir 114 bestehende Definitionen angeschaut und darauf aufbauend eine 115. vorgeschlagen. Das Paper hat eine enorme Resonanz erhalten und ist bis heute das zweitmeist zitierte Paper in diesem Forschungsfeld.
Es ist allerdings auch ein Grund, warum ich mich später aus der Vollzeitwissenschaft verabschiedet habe. Ich habe lange mit diesem Paper gehadert. Warum wird so etwas gefeiert, viel weniger aber empirische Arbeit mit direkten Handlungsimplikationen?
Rückblickend muss ich aber sagen: Am Ende ist es schon wichtig, dass wir ein gemeinsames Verständnis davon haben, was ein Konzept wie Circular Economy eigentlich bedeutet.
Gerade in Deutschland wird deutlich, warum diese Klärung nötig ist. Hier wird Circular Economy noch sehr häufig mit Recycling gleichgesetzt. In anderen Ländern - etwa in den Niederlanden oder in Dänemark - wird das Konzept deutlich breiter verstanden. Dort geht es nicht nur um Recycling, sondern auch um Themen wie Wiederverwendung, langlebige Produkte oder sogar darum, den Konsum insgesamt zu reduzieren.
Je nachdem, wie man das Konzept versteht, ergeben sich ganz unterschiedliche Konsequenzen: für Geschäftsmodelle, für politische Instrumente. Deshalb ist die Frage nach dem Kern der Circular Economy durchaus zentral. Man muss sich nicht auf jede einzelne Nuance einigen, aber ein gemeinsames Grundverständnis ist wichtig.
Gerade dieses breitere Verständnis, wie es beispielsweise in den Niederlanden oder in Dänemark verbreitet ist, zeigt auch das große Potenzial des Konzepts der Circular Economy.
Ein wiederkehrendes Ergebnis deiner Studien ist, dass kulturelle und organisatorische Faktoren große Hürden für die Umsetzung darstellen. Was sind aus Deiner Sicht heute die größten Barrieren, die Unternehmen daran hindern, zirkuläre Geschäftsmodelle tatsächlich umzusetzen? Wie konkret könnte die Politik bzw. Gesetzgebung dabei helfen?
Nach wie vor ist die größte Barriere für die Umsetzung der Circular Economy nicht ein Mangel an technischen Lösungen. In vielen Bereichen sind die Technologien bereits vorhanden. Die eigentliche Herausforderung liegt vielmehr auf der Nachfrageseite: Das Interesse der Konsumentinnen und Konsumenten ist bislang noch zu gering.
Die meisten Menschen achten beim Kauf in erster Linie auf Preis und Convenience. Nachhaltigkeit spielt zwar für einen kleinen Teil der Konsumenten eine wichtige Rolle, aber für die große Mehrheit ist sie kein entscheidendes Kaufkriterium. Das hat zur Folge, dass zirkuläre Produkte am Markt mindestens genauso günstig und genauso bequem nutzbar sein müssen wie ihre linearen Alternativen – und idealerweise sogar günstiger oder komfortabler.
Hinzu kommt, dass Verbraucher Gewohnheitstiere sind. Auch das zeigt die Forschung sehr deutlich: Ein Wechsel zu neuen Produkten oder Nutzungssystemen passiert in der Regel nur dann, wenn Preis oder Convenience klar besser sind als beim bisherigen Angebot.
Lange Zeit gab es die Hoffnung, dass die Idee der Zirkularität allein ausreicht, damit sich auch etwas teurere oder weniger bequeme Lösungen am Markt durchsetzen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass das kaum funktioniert. Wenn Circular Economy wirklich skaliert werden soll, muss man dort ansetzen, wo die Konsumenten stehen – und die sind gerade in der aktuellen wirtschaftlichen Situation sehr preissensitiv.
Du arbeitest sowohl in der Forschung als auch nah an der Praxis. Wo siehst du aktuell die vielversprechendsten Ansätze oder Geschäftsmodelle, die zeigen, dass Kreislaufwirtschaft auch wirtschaftlich skalieren kann?
Besonders vielversprechende Ansätze für zirkuläre Geschäftsmodelle sehen wir derzeit in der Elektronikbranche. Dort gibt es einige Start-ups, die sich sehr erfolgreich entwickelt haben, zum Beispiel Back Market oder Grover, die inzwischen zu milliardenschweren Scale-ups geworden sind. Das zeigt, dass zirkuläre Modelle durchaus wirtschaftlich funktionieren können.
Ein Grund für ihren Erfolg ist sicherlich auch die aktuelle wirtschaftliche Situation. Durch Inflation und sinkendes verfügbares Einkommen greifen viele Menschen eher zu refurbished oder gebrauchten IT-Produkten, weil sie deutlich günstiger sind. Diese Kombination aus Kostenvorteil und Ressourcenschonung macht solche Geschäftsmodelle im Moment besonders attraktiv.
Wenn wir auf die Elektronik- und IT-Branche schauen: Wo stehen wir auf unserer Reise zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft?
Nichtsdestotrotz muss man sagen, dass die Elektronik- und IT-Branche insgesamt noch einen langen Weg vor sich hat, bis wir wirklich von einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft sprechen können. Weltweit werden noch immer rund 80 Prozent des Elektronikschrotts nicht gesammelt und recycelt. Das zeigt, wie groß die Herausforderung weiterhin ist.
Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Unternehmen neue Lösungen entwickeln und zirkuläre Ansätze vorantreiben. Es ist sehr ermutigend zu sehen, wenn Firmen – wie eure Firma – sich genau dieser Aufgabe annehmen und versuchen, die Kreislaufwirtschaft in der Praxis voranzubringen.
Vielen Dank, Julian, für Deine Zeit und für die spannenden Einblicke aus Forschung und Praxis – und für Deine Perspektive darauf, wie Kreislaufwirtschaft tatsächlich skalieren kann.
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