ExperteninterviewStronger in Circles

Warum Circular Economy ohne Daten an Grenzen stößt – Ein Gespräch mit Franziska Wagner

Veröffentlicht am 20. Mai 20264 min Lesezeit

Franziska Wagner

Franziska Wagner

Circular Economy funktioniert nicht ohne Daten.
Mit unserer Reihe #StrongerInCircles sprechen wir mit Menschen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der praktischen Umsetzung von Kreislaufwirtschaft beschäftigen.
Für dieses Interview haben wir mit Franziska Wagner gesprochen. Sie beschäftigt sich mit der Digital Circular Economy und der Frage, welche Rolle Daten, Informationen und digitale Technologien für zirkuläre Wertschöpfung spielen.
Im Gespräch beschreibt sie, warum digitale Technologien allein nicht ausreichen, solange in vielen Unternehmen grundlegende Daten fehlen, weshalb Informationsflüsse entlang von Wertschöpfungsketten entscheidend sind und wie Transparenz über Produkte und Materialien neue zirkuläre Geschäftsmodelle ermöglichen kann.

Franziska, was ist die Digital Circular Economy und warum ist sie zu Deinem Fachgebiet geworden?

Die Digital Circular Economy ist ein recht neues Konzept, das in der vergangenen Zeit jedoch zunehmend an Interesse gewonnen hat. Darunter ist eine Perspektive auf die wirtschaftliche Neustrukturierung zu verstehen, in der Daten und digitale Technologien nicht nur als unterstützende Faktoren, sondern als integrale Bestandteile angesehen werden. Das bedeutet: Wenn zirkuläre Produkte und Prozesse entwickelt und designt werden, reichen nicht nur die Fragen nach den richtigen Materialien, möglichen R-Strategien (z. B. Reuse, Repurpose, Refurbish), relevanten Stakeholdern und sich eröffnenden Business-Modellen aus. Neben diesen CE-bezogenen Transformationsfragen stehen die Fragen nach den nötigen Daten und Informationen, die für die zirkuläre Transformation benötigt werden, sowie nach den Technologien, die diese Bedarfe bedienen können, im Zentrum. Das einfachste Beispiel, das ich hier gerne anbringe, ist das des Polymer-Recyclers. Wenn diesem keine Informationen darüber vorliegen, welches Polymer oder welche Polymerkombination recycelt werden soll, bleibt häufig nur Downcycling statt hochwertigem Recycling. Das Problem dabei ist, dass Downcycling laut Studien klimatechnisch kaum besser abschneidet als die direkte Verbrennung. Erst durch die richtigen Daten und eine präzise Sortierung wird hochwertiges Recycling möglich – und damit echte Zirkularität. Diese beiden Ebenen — Material- bzw. Produktebene und Informationsebene — müssen zusammengedacht werden, sodass Materialflüsse und die dazugehörigen Informationen entlang der Wertschöpfungskette miteinander verbunden sind.
Genau dieses Zusammenspiel aus zirkulärem Wirtschaften, Daten und digitalen Technologien macht die Digital Circular Economy für mich so spannend. Mein Interesse an diesem Thema entstand ursprünglich aus meiner Begeisterung für das Konzept der Circular Economy. Als Betriebswirtin mit persönlichem Interesse an nachhaltigen Themen war für mich früh klar, dass sich die Herausforderungen unserer Zeit nicht durch symbolische Nachhaltigkeitsmaßnahmen – wie gespendete Quadratmeter geretteten Regenwaldes pro verkauftem Produkt – lösen lassen. Es musste ein Ansatz sein, der Wirtschaft und Nachhaltigkeit nicht gegeneinanderstellt, sondern langfristig miteinander verbindet. In der Circular Economy habe ich genau diesen Weg gesehen. Diese Begeisterung für das Thema hat mich letztlich auch zur Promotion und damit zur intensiven Auseinandersetzung mit der Digital Circular Economy geführt.

Welchen Herausforderungen der Digital Circular Economy begegnen Dir immer wieder?

Ich sehe zwei elementare Herausforderungen auf dem Weg in eine Digital Circular Economy: Zum einen haben wir die Herausforderung der fehlenden Datenverfügbarkeit. Auf Veranstaltungen zur Circular Economy hört man immer wieder, wie KI, digitale Zwillinge, das Internet der Dinge und viele weitere digitale Technologien die Informationsherausforderungen der Circular Economy lösen können, und auch in meiner Forschung habe ich mich mit genau diesen fortschrittlichen digitalen Technologien beschäftigt. Doch wenn wir uns die breite Masse der Unternehmen ansehen, haben wir häufig noch nicht einmal die nötigen Daten. Hier müssten wir zunächst überhaupt erst von Digitalisierung, also von analog zu digital, sprechen, bevor wir von digitaler Transformation oder gar KI-Transformation sprechen können. Ich denke, dass die aktuellen Entwicklungen hinsichtlich bestehender Berichtspflichten hier möglicherweise sogar ein Treiber sein könnten, da Unternehmen durch diese Pflichten gezwungen sind, die entsprechenden Daten und Informationen bereitzustellen. Im Austausch mit Unternehmen und Experten höre ich zunehmend, dass Unternehmen dabei erkennen, dass die neu verfügbaren Daten nicht nur Berichtspflichten bedienen, sondern gleichzeitig Mehrwerte für viele weitere Unternehmensprozesse schaffen. Nachhaltigkeitspflichten könnten damit vom regulatorischen Pflichtprogramm zum eigentlichen Motor unternehmerischer Digitalisierung werden – und so zugleich den Weg in eine Digital Circular Economy beschleunigen.
Zum anderen besteht noch die Herausforderung des mangelnden Teilens von Daten und Informationen entlang von Wertschöpfungsketten. Unternehmen verstehen zunehmend, dass Daten und Informationen wertvolle und strategisch wichtige Ressourcen sind, die es zu schützen gilt. Ohne die Zusammenarbeit verschiedener Stakeholder zur Schließung bestehender Informationslücken in zirkulären Wertschöpfungsketten wird ein erfolgreicher Übergang zu finanziell und ökologisch tragfähigen zirkulären Geschäftsmodellen jedoch nur schwer möglich sein. Es bedarf daher geeigneter neuer Governance-Modelle der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, die klar regeln, wer welche Daten mit wem, zu welchem Zweck und unter welchen Bedingungen teilen, einsehen, nutzen oder weiterverarbeiten darf, ohne dabei die Datensouveränität der beteiligten Akteure zu gefährden.

Welche besonderen Möglichkeiten schafft die Digital Circular Economy?

In einer Welt, in der Produkte zunehmend digital werden, entsteht die Möglichkeit, viel mehr Informationen über Produkte und ihren gesamten Lebenszyklus verfügbar zu machen. Selbst ein einfacher Apfel kann heute mit einem QR-Code versehen werden und dadurch digitalisiert werden. Genau darin liegt eine große Chance der Digital Circular Economy. Wenn Produkte Informationen mit sich tragen, können Unternehmen und Konsument:innen bessere Entscheidungen treffen und dadurch langfristiger, ressourcenschonender und zirkulärer handeln.
Besonders spannend wird es aber bei Produkten, die ohnehin bereits smart und vernetzt sind. Denn dort geht Digitalisierung weit über reine Transparenz hinaus. Früher wussten Unternehmen oft kaum, was mit einem Produkt passiert, nachdem es verkauft wurde — die Nutzungsphase war weitgehend eine Blackbox. Heute können smarte Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg Daten liefern: wie intensiv sie genutzt werden, in welchem Zustand sie sich befinden, welche Komponenten verschleißen oder wann Wartung notwendig wird. Dadurch entstehen Informationen, die vor wenigen Jahren noch gar nicht verfügbar waren. Und genau diese Daten sind enorm wertvoll für die Circular Economy. Sie ermöglichen es, viel präzisere Entscheidungen darüber zu treffen, ob ein Produkt repariert, refurbished, wiederverwendet oder recycelt werden sollte — und zwar so, dass möglichst wenig finanzieller und ökologischer Wert verloren geht. Gleichzeitig bleibt über das vernetzte Produkt die Verbindung zwischen Unternehmen und Kund:innen über den gesamten Lebenszyklus bestehen. Dadurch entstehen neue zirkuläre Geschäftsmodelle: Reparaturen, Wartung oder Upgrades können direkt über den Hersteller abgewickelt werden, anstatt über Drittanbieter. Das schafft nicht nur zusätzlichen Business Value, sondern hilft auch dabei, Produkte länger im Kreislauf zu halten.

Das öffentliche und unternehmerische Interesse an Nachhaltigkeit scheint gerade leider etwas zu sinken. Warum bist Du trotzdem überzeugt, dass sich die Digital Circular Economy langfristig durchsetzen wird?

Auch wenn das Thema Nachhaltigkeit in der Unternehmenswelt zuletzt etwas an Schwung verloren hat, löst sich das zugrunde liegende Problem dadurch nicht auf – es wird lediglich weiter in die Zukunft verschoben und droht sich weiter zu verschärfen. Der ökologische und wirtschaftliche Druck wird langfristig jedoch zu einem Sustainability Rebound führen und Unternehmen dazu zwingen, sich dieser Herausforderung wieder stärker anzunehmen. Unternehmen, die ihre Bemühungen gerade in dieser Phase fortsetzen und sich schrittweise hin zu zirkulärem Wirtschaften weiterentwickeln, werden sich dadurch entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern, sobald das Thema Nachhaltigkeit wieder stärker an Bedeutung gewinnt. Gleichzeitig ist anzunehmen, dass insbesondere jene Unternehmen, die ihre Aktivitäten in dieser Phase zurückgefahren haben, später unter hohem Zeit- und Wettbewerbsdruck versuchen werden, entstandene Rückstände aufzuholen und entsprechend verstärkt in nachhaltige und zirkuläre Transformationen investieren müssen.
Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass die globalen wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen in den kommenden Jahren eher komplexer und risikoreicher werden als stabiler. Geopolitische Spannungen, Ressourcenknappheiten, Lieferkettenprobleme und klimabedingte Krisen erhöhen den Druck auf Unternehmen zusätzlich. Gerade vor diesem Hintergrund gewinnen resiliente und zirkuläre Wertschöpfungsmodelle zunehmend an strategischer Bedeutung.

Wie sieht eine zirkuläre Organisation im Jahr 2030 aus – und welche Rolle spielen Daten auf dem Weg dorthin?

Eine zirkuläre Organisation im Jahr 2030 ist aus meiner Sicht ein Unternehmen, das Daten nicht mehr nur für Reporting oder Effizienzsteigerungen nutzt, sondern als zentrale Grundlage für zirkuläre Wertschöpfung versteht. Es ist anzunehmen, dass viele Unternehmen bis dahin über eine deutlich bessere Datenverfügbarkeit verfügen werden und verstärkt in digitale Infrastrukturen investieren, die Transparenz über Materialien, Produkte und Prozesse schaffen. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette. Unternehmen können gemeinsam mit Lieferanten, Kunden, Recyclern und weiteren Stakeholdern Informationslücken schließen und auf dieser Basis zirkulärere, effizientere und nachhaltigere Prozesse entwickeln. Daten werden damit zum verbindenden Element zwischen den Akteuren der Circular Economy und ermöglichen Geschäftsmodelle, die heute häufig noch an fehlender Transparenz oder mangelndem Informationsaustausch scheitern.

Vielen Dank, Franziska, für Deine Zeit und für die Einblicke in die Verbindung von Circular Economy, Daten und digitalen Technologien! Und dafür, wie Du das Thema Digital Circular Economy aus wissenschaftlicher und praktischer Perspektive mitgestaltest.

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