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Kreislaufwirtschaft zwischen Anspruch und Umsetzung – Ein Gespräch mit Kathrin Graulich vom Öko-Institut
Veröffentlicht am 20. März 20265 min Lesezeit

Kathrin Graulich im Interview mit circulee – über Kreislaufwirtschaft in der Praxis
Kreislaufwirtschaft entsteht nicht im Alleingang. Sie entwickelt sich dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und voneinander lernen.
Genau darum geht es in #StrongerInCircles. In dieser Reihe sprechen wir mit Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis, die ihre Erfahrungen teilen und neue Blickwinkel auf die Kreislaufwirtschaft eröffnen.
Für dieses Interview haben wir mit Kathrin Graulich gesprochen, Deputy Head of Sustainable Products & Material Flows Division am Öko-Institut. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Kreislaufwirtschaft konkret umgesetzt werden kann – insbesondere im Kontext öffentlicher Beschaffung.
Das Gespräch gibt Einblicke in aktuelle Herausforderungen, strukturelle Hürden und die Rolle der öffentlichen Hand dabei, zirkuläre Ansätze in die Umsetzung zu bringen.
Welche Rolle spielt die Kreislaufwirtschaft heute aus Ihrer Sicht in der gesellschaftlichen Praxis – und wo klafft noch die größte Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung?
Die Politik hat in ihren Strategien das Prinzip der Kreislaufwirtschaft verankert mit dem Ziel, Ressourcen zu schonen und das Klima zu schützen. Kreislaufwirtschaft stärkt die Resilienz unseres Wirtschaftssystem durch die Fähigkeit, Lieferengpässe und Preisschocks besser zu verkraften, etwa durch geringeren Ressourcenverbrauch und weniger Abhängigkeit von Importen kritischer Rohstoffe. Durch die wachsenden geopolitischen und wirtschaftlichen Risiken gewinnt diese Bedeutung der Kreislaufwirtschaft in der gesellschaftlichen Wahrnehmung an Gewicht.
In der Praxis dominiert in vielen Bereichen nach wie vor eine lineare Logik („neu kaufen – nutzen – entsorgen“). Zwar gibt es zunehmend professionelle Angebote für gebrauchte oder instandgesetzte Produkte, doch insgesamt orientieren sich viele Routinen und Geschäftsmodelle weiterhin eher an Wachstum als an Kreislaufführung.
Aus Sicht der Abfallhierarchie beginnt Kreislaufwirtschaft sehr früh – schon bei der Frage: Brauche ich das wirklich oder gibt es eine Alternative mit weniger Material- und Ressourcenaufwand? Im Fokus stehen Vermeidung, Reduzierung, Wiederverwendung und Reparatur/Instandsetzung. Die größte Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung sehen wir in den Alltagsprozessen. Überall dort, wo es nicht reicht, „ein Kriterium“ zu ergänzen, sondern wo es andere Denkmuster, klare Verantwortlichkeiten, funktionierende Prozesse für Inventarisierung und Logistik sowie neue Akteurskooperationen braucht. Diese Umsetzungsinfrastruktur fehlt häufig noch, sowohl bei Unternehmen als auch bei großen Nachfragern wie der öffentlichen Hand.
Wo setzen Sie und Ihre Kolleg*innen beim Öko-Institut an? Welche Projekte verfolgen Sie?
Wir arbeiten auf mehreren Ebenen daran, Kreislaufwirtschaft konkret auszugestalten. Eine wichtige Grundlage war unsere Studie „Modell Deutschland Circular Economy“ für den WWF: Sie zeigt, wo Prioritäten liegen, benennt zentrale Sektoren, Produkte und Maßnahmen und macht in Szenarien sichtbar, welche ökologischen und ökonomischen Effekte durch konsequente Umsetzung erreichbar sind – inklusive Empfehlungen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Das Bundesumweltministerium unterstützen wir bei der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) und leiten die AG Zirkuläre Beschaffung. Ziel ist mehr Richtungssicherheit für die öffentliche Beschaffung von gebrauchten und instandgesetzten (refurbished) Produkten am Beispiel Möbel und IT. Für das Umweltbundesamt haben wir zudem praxisorientierte Arbeitshilfen für eine zirkuläre Beschaffung, eine rechtliche Einordnung, eine Studie zu refurbished IT sowie einen Rechner für Lebenszykluskosten inklusive CO2-Kosten (LCC-CO₂-Tool) inklusive zugehörigem Schulungsskript entwickelt.
Auf EU-Ebene arbeiten wir für die Generaldirektion Umwelt an Vorbereitungsstudien zu Delegierten Rechtsakten im Rahmen der Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR), insbesondere zu Textilien, Reifen und Möbeln. Und auch international stärken wir mit Partnern vor Ort Circular-Economy-Ansätze – vor allem in Asien und Lateinamerika.
Der Einsatz von refurbished IT-Hardware im öffentlichen Bereich ist eines der Schlüsselthemen, mit denen Sie sich beschäftigen, seitdem die NKWS deklariert wurde. Warum und woran konkret arbeiten Sie?
Die größten Umweltauswirkungen von IT entstehen in der Herstellung – sie ist besonders ressourcen- und energieintensiv. Deshalb sollte die öffentliche Hand eine möglichst lange Nutzungsdauer sicherstellen, etwa durch Anforderungen an Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Aufrüstbarkeit der Geräte sowie durch Garantie-, Service- und Wartungsleistungen. Dazu gibt es bereits viele Empfehlungen. Noch wenig genutzt wird hingegen ein weiterer Hebel: refurbished IT statt Neuware – hier steckt die öffentliche Verwaltung vielerorts noch am Anfang.
Genau daran arbeiten wir in der NKWS-AG Zirkuläre Beschaffung: Wir entwickeln Informations- und Unterstützungsangebote, die refurbished IT vom Einzelfall zur Routine machen – mit Hilfestellungen, einem Webinar, Fact-Sheet, Best-Practice-Beispielen und Unterstützung bei Musterausschreibungen. Zudem prüfen wir die Wirtschaftlichkeit und setzen uns dafür ein, dass refurbished Geräte perspektivisch auch in Rahmenverträgen des Bundes berücksichtigt werden.
IT-Hardware wird in vielen öffentlichen Organisationen weiterhin linear und "neu" beschafft. Woran liegt dies und welche konkreten Hebel sehen Sie, um refurbished IT systematisch in den Einsatz zu bringen?
In vielen Gesprächen mit Beschaffungsstellen sehen wir: Refurbished IT ist oft noch eine Blackbox. Es fehlten bislang verlässliche Informationen zu Anbietern, Mengen, Lieferzeiten, Gerätezustand und Qualität. Entsprechend groß ist die Sorge, ob refurbished Geräte zuverlässig laufen oder häufiger ausfallen. Am stärksten wiegen Bedenken hinsichtlich der IT-Sicherheit instandgesetzter Geräte. Ist eine Beschaffungsstelle motiviert und will refurbished IT ausschreiben, kommt oft die nächste Hürde: Während etablierte Routinen und Verträge auf die Beschaffung von Neugeräten ausgerichtet sind, fehlen Erfahrungen, wie refurbished IT vergabefest beschrieben und bewertet werden kann. Hier setzen die Informations- und Unterstützungsangebote im Rahmen der NKWS an.
Systematisch verankern lässt sich refurbished IT, wenn Beschaffungsstellen zuerst per Markterkundung klären, was der Markt leisten kann, und dann prüfbare Mindestanforderungen definieren, z. B. Zustand/Qualitätsklassen, zertifizierte Datenlöschung, Garantie, Servicelevels, Ersatzgeräte, Dokumentation. Sinnvoll ist ein Einstieg über Pilot-Warengruppen, um erste Erfahrungen zu sammeln und anschließend zu skalieren. Best-practice Beispiele und Austausch mit anderen Beschaffungsstellen können Orientierung bieten und den Initialaufwand verringern.
Parallel hören wir häufig, dass die Anforderungen der Verwaltung deutlich strenger als im freien Markt sind und Anbieter von refurbished IT davon abschrecken, sich überhaupt an öffentlichen Ausschreibungen zu beteiligen. Umso wichtiger ist ein früher, aktiver Austausch zwischen öffentlicher Hand und Anbietern: um Wissenslücken zu schließen, die Machbarkeit von Kriterien zu prüfen und Anforderungen so zu gestalten, dass sie ambitioniert, aber erfüllbar sind. Denn der öffentliche Markt ist groß – und kann refurbished IT in die Breite bringen.
Welche regulatorischen Entwicklungen werden aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren den größten Einfluss auf zirkuläre Geschäftsmodelle haben, und wie sollten Unternehmen sich heute darauf vorbereiten?
Aus unserer Sicht wird vor allem die EU-Verordnung ESPR prägend sein: Sie führt schrittweise verbindliche Mindeststandards auf dem europäischen Markt ein – etwa zu Langlebigkeit und Reparierbarkeit – und stärkt damit Bewusstsein und Marktangebot für kreislauffähige Produkte. Ergänzend sorgt das Recht auf Reparatur dafür, dass defekte Geräte häufiger zuerst repariert werden können, statt sofort durch Neuware ersetzt zu werden.
Unternehmen sollten nicht darauf warten, bis die Regulierungen in Kraft treten. Wer sich frühzeitig auf langlebige, reparierbare Produkte, Ersatzteilversorgung, Rücknahme und Instandsetzung ausrichtet, ist künftig klar im Vorteil. Entscheidend sein wird außerdem eine bessere Datenbasis – etwa zu Produktherkunft, Materialien, Reparaturinformationen sowie Standards und Nachweisen. Das erleichtert nicht nur die Erfüllung regulatorischer Anforderungen, sondern schafft auch Vertrauen bei den Marktteilnehmenden, insbesondere bei der öffentlichen Hand.
Vielen Dank, Frau Graulich, für Ihre Zeit, Ihre herausragende Arbeit mit dem Öko-Institut und die wertvollen Einblicke. Wir freuen uns riesig, dass Sie Teil dieser Reihe sind.
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