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Kreislaufwirtschaft im Elektroniksektor: Welche Rolle Reparatur, Refurbishment und Politik spielen – Ein Gespräch mit Rémi Laoubi

Veröffentlicht am 20. Apr. 20264 min Lesezeit

Im Interview mit circulee: Rémi Laoubi von Circular Berlin

Im Interview mit circulee: Rémi Laoubi von Circular Berlin

Kreislaufwirtschaft entsteht nicht im Alleingang. Sie entwickelt sich dort, wo unterschiedliche Akteure zusammenkommen und an konkreten Lösungen arbeiten.
Mit unserer Reihe #StrongerInCircles sprechen wir mit Menschen aus Praxis, Wirtschaft und Politik, die an genau diesen Schnittstellen arbeiten.
Für dieses Interview haben wir mit Rémi Laoubi gesprochen, Electronics Sector Lead bei Circular Berlin. Er arbeitet an Projekten in Berlin und auf EU-Ebene und beschäftigt sich mit der Frage, wie sich zirkuläre Ansätze im Elektroniksektor praktisch umsetzen lassen.
Das Gespräch gibt Einblicke in aktuelle Entwicklungen rund um Reparatur und Refurbishment, strukturelle Herausforderungen in urbanen Ökosystemen – und die Rolle von Politik, Unternehmen und Infrastruktur beim Übergang zu mehr Zirkularität.

Rémi, Du bist Kreislaufexperte und arbeitest an verschiedenen "circular economy" Projekten in Berlin und EU-weit. Welches Ziel verfolgst Du und was treibt Dich an?

Für mich persönlich besteht das Ziel darin, unsere Gesellschaft auf allen Ebenen zu verändern und die Kreislaufwirtschaft zur neuen Norm zu machen. Dieses Wirtschaftsmodell bietet die Chance auf ein System, in dem es möglich ist, innerhalb der Grenzen unseres Planeten zu leben und gleichzeitig wichtige soziale Vorteile zu erzielen. Es ist eine Antwort auf die ökologische und gesellschaftliche Krise, die wir derzeit erleben. Wir müssen unser derzeitiges Modell ändern und jetzt handeln, um den Wandel herbeizuführen, den wir uns wünschen.
Die Kreislaufwirtschaft bietet so viele Möglichkeiten, die gleichzeitig sogar unseren Lebenskomfort verbessern. Wer hat sich nicht schon darüber geärgert, dass ein Gerät, das man täglich benutzt, plötzlich nicht mehr funktioniert und man keine Reparaturmöglichkeit findet oder viel Geld ausgeben muss, um die benötigte Lösung oder einen Ersatz zu bekommen? Das ist beabsichtigt. Es ist eine Entscheidung, in einer Gesellschaft zu leben, in der es einfacher ist, schnell etwas Neues zu kaufen, anstatt unsere Produkte über einen langen Zeitraum funktionsfähig zu halten. Wir alle haben die Macht, zu handeln, um dies zu ändern, und ich persönlich wollte auch auf einer tieferen Ebene Teil dieses Wandels sein.
Noch entscheidender ist, dass ich vor einigen Wochen Onkel geworden bin. Ich verspüre nun ein stärkeres Verantwortungsbewusstsein dafür, eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich dieses Kind positiv entwickeln kann. Das gibt mir viel Energie, den Status quo in Frage zu stellen.

Circular Berlin verfolgt die Vision einer resilienten Stadt, in der Ressourcen möglichst lokal genutzt und in Kreisläufen gehalten werden. Wie geht Ihr Eurer Mission konkret nach?

Circular Berlin entstand aus der Überzeugung heraus, dass wir, um unsere Gesellschaften zu verändern, zunächst unsere Städte verändern müssen, in denen sich die Bevölkerung und der wirtschaftliche Wohlstand konzentrieren und wo der Großteil unseres Energie- und Ressourcenverbrauchs stattfindet.
Heute arbeitet Circular Berlin auf der Grundlage von drei wirkungsorientierten Säulen: Circular Market, Circular Culture und Circular Governance. Die Logik ist einfach: Ein erfolgreicher Übergang zur Kreislaufwirtschaft für Städte und Regionen erfordert, eine Etablierung zirkulärer Geschäftsmodelle; dass sich die Bürger mit urbanen Kreislaufpraktiken identifizieren und diese in ihr tägliches Handeln integrieren; und dass politische Maßnahmen als Katalysatoren für den Wandel wirken, während die öffentliche Verwaltung mit gutem Beispiel vorangeht, indem sie die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in ihre eigenen Abläufe einbettet.
Circular Berlin ist um ein Kernteam herum organisiert, das unsere Programme vorantreibt und Projekte leitet, die darauf abzielen, unsere Stadt zu verändern. Jedes Programm ist darauf ausgerichtet, ein spezifisches Hindernis für die Umsetzung der Kreislaufwirtschaft zu beseitigen. Auf dieser Grundlage entwickeln und implementieren wir konkrete Lösungen. So haben wir beispielsweise im Rahmen unseres Projekts „Tech & Space“ untersucht, wie Technologien aus den Bereichen Optik, Photonik und Werkstoffe – strategische Schlüsselbereiche für Berlin – die Kreislaufwirtschaft branchenübergreifend fördern können. Diese Arbeit wurde auf dem Wissenschafts- und Technologiecampus Adlershof durchgeführt, wo Deep-Tech-Unternehmen forschen und ihre Lösungen entwickeln. Wir arbeiten auch an greifbaren, praxisnahen Innovationen für Bürger:innen, wie zum Beispiel dem „Repair Deal“ für Jeans. Dieser ermöglicht eine 50-prozentige Reduzierung der Reparaturkosten und fördert aktiv eine Reparaturkultur anstelle einer Wegwerfkultur.
Vielleicht am wichtigsten ist, dass Circular Berlin schon früh erkannt hat, dass Veränderung nur durch Changemaker geschieht. Wir haben ein starkes Netzwerk von Fachleuten aufgebaut, die Teil unserer Gemeinschaft sind und von denen einige ihre Zeit und ihr Fachwissen ehrenamtlich zur Verfügung stellen, um diesen Wandel aktiv voranzutreiben. Ergänzt wird dies durch ein engagiertes Team, das sich auf Bildung konzentriert und sicherstellt, dass Wissen und Werkzeuge diejenigen erreichen, die sie am dringendsten benötigen.

In eurem kürzlich erschienen Circular Electronics Report analysiert ihr die lokale Repair- und Refurbishment-Landschaft in Berlin. Wo siehst du aktuell die größten Opportunitäten und strukturellen Engpässe, die verhindern, dass Elektronikgeräte länger im Nutzungskreislauf bleiben?

Zunächst möchte ich meinem Team für die großartige Arbeit danken, die in diesen Bericht geflossen ist und die uns einen Überblick über das aktuelle Ökosystem verschafft hat.
Wenn ich mir die Berliner Reparatur- und Wiederaufbereitungslandschaft anschaue, sehe ich, dass die größte Chance und der größte Engpass an derselben Stelle zusammenlaufen: am Fehlen einer übergreifenden Strategie für die Stadt als Ganzes. Berlin verfügt bereits über viele der notwendigen Bausteine, von aktiven Repair-Cafés bis hin zu einer wachsenden Aufarbeitungsszene. Diese Bemühungen bleiben jedoch fragmentiert und werden ohne einen koordinierten und gestützten Rahmen, der konkrete Maßnahmen miteinander verknüpft, nicht ausreichend genutzt.
Initiativen wie ein Reparaturbonus könnten transformativ wirken. Dies sehen wir bereits in Thüringen und in Ländern wie Frankreich, wo solche Programme ganze Reparatur-Ökosysteme belebt und die Qualitätsstandards für die Branche angehoben haben. Ebenso gibt es für Hersteller keine Anreize, langlebige und reparierbare Produkte zu entwickeln, doch Anreize allein reichen nicht aus. Unsere digitale Infrastruktur muss neu gedacht werden, damit zirkuläre Entscheidungen genauso reibungslos ablaufen wie Neukäufe. Heute ist es einfach viel bequemer, ein neues Gerät online zu kaufen und sich nach Hause liefern zu lassen, als eine zuverlässige Reparatur- oder Aufbereitungsmöglichkeit zu finden.
Was wir letztendlich brauchen ist eine schlüssige Strategie für die Kreislaufwirtschaft in Berlin, die eine Verbesserungen der digitalen Infrastruktur, ein gut durchdachtes Anreizsystem und messbare Indikatoren vereint, anhand derer wir den Fortschritt verfolgen können. Ohne diese Kombination werden einzelne Initiativen weiterhin isoliert voneinander existieren und nur marginale Auswirkungen erzielen, anstatt das System als Ganzes zu verändern. Damit die Kreislaufwirtschaft zur Regel statt zur Ausnahme wird, müssen all diese Hebel gleichzeitig in dieselbe Richtung gezogen werden.

Welche politischen Instrumente wie Right to Repair, Ecodesign-Verordnung oder Extended Producer Responsibility werden aus deiner Sicht den größten Einfluss auf die Zirkularität von Elektronik in den kommenden Jahren haben?

Das ist eine sehr gute Frage. Wie Sie zu Recht anmerken, treibt Europa die Agenda für Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft nach wie vor sehr aktiv voran! Kurz- und mittelfristig hat das „Recht auf Reparatur“ als Verordnung die größten Auswirkungen. Unternehmen, die elektronische Geräte herstellen und auf den Markt bringen, müssen eine Strategie haben, um erschwingliche Reparaturlösungen anzubieten. Diese Regelung tritt Ende Juli dieses Jahres in Kraft. Sie wird im Wesentlichen den Zugang zu Informationen über Reparaturlösungen und deren Preise erleichtern, die Garantiezeit bei einer Reparatur verlängern sowie den Zugang zu Ersatzteilen vereinfachen.
Ebenfalls in Vorbereitung ist die Umsetzung der Batterieverordnung, die ab Februar nächsten Jahres vorschreibt, dass Batterien in einer Reihe von Elektro- und Elektronikgeräten wie Staubsaugern, elektrischen Zahnbürsten, Laptops usw. leicht entnehmbar und austauschbar sein müssen. Diese Verordnung wird erhebliche Auswirkungen haben, da viele unserer Geräte aufgrund der Alterung der Batterie ausfallen und der Austausch in vielen Fällen entweder sehr teuer oder komplex ist. Diese Verordnung wurde ursprünglich konzipiert, um eine maximale Menge an Batterien zurückzugewinnen, passt aber nahtlos in den Übergang zur Kreislaufwirtschaft.
Langfristig sind die Überarbeitung der Ökodesign-Richtlinie für nachhaltige Produkte und das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz zu nennen, zu denen Circular Berlin ebenfalls ein Positionspapier veröffentlicht hat. Diese Vorschriften werden erhebliche Auswirkungen haben, die jedoch noch zu evaluieren sind, da sie sich derzeit in der Ausarbeitungsphase befinden.

Was wären aus deiner Perspektive die drei wichtigsten Maßnahmen, mit denen Unternehmen ihre IT-Strategie kurzfristig stärker an zirkulären Prinzipien ausrichten können?

Aus meiner Sicht gibt es drei Maßnahmen, die Unternehmen schnell umsetzen können, um ihre IT-Strategie besser an den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft auszurichten. Erstens: Verlängerung der Lebensdauer ihrer Geräte. Der Austausch eines Smartphones alle fünf statt alle drei Jahre reduziert dessen CO₂-Fußabdruck um 28 % pro Jahr, selbst wenn man den Austausch des Akkus mit einberechnet. Dies ist eine der wirkungsvollsten Veränderungen, die ein Unternehmen mit minimalem Aufwand vornehmen kann. Zweitens: Weichen Sie auf generalüberholte Hardware aus und stellen Sie sicher, dass Reparaturdienste Teil Ihrer Beschaffungsstrategie sind, sei es durch interne oder externe Kapazitäten oder durch ein Miet- und Leasingmodell, das die Wartung umfasst. Drittens, und dies wird oft übersehen: Lassen Sie alte Geräte nicht in einer Schublade verstauben. Unternehmen sollten aktiv nach Lösungen für die Zweitverwertung oder Entsorgung ausgedienter Geräte suchen. Es gibt heute zuverlässige Partner, die dies in großem Maßstab abwickeln, wobei die Vertraulichkeit der Daten von seriösen Anbietern ernst genommen und gewährleistet wird.

Vielen Dank, Rémi, für Deine Zeit, Dein Engagement und die spannenden Einblicke in die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft im Elektroniksektor.