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Kreislaufwirtschaft im Mittelstand: Vom Potenzial zur Praxis – im Gespräch mit Dr. Clemens Ackermann und Christine Palmer

Veröffentlicht am 10. Aug. 20264 min Lesezeit

Dr. Clemens Ackermann und Christine Palmer vom RKW BW

Dr. Clemens Ackermann und Christine Palmer vom RKW BW

Kreislaufwirtschaft ist längst nicht nur eine Frage ökologischer Nachhaltigkeit. Gerade für den Mittelstand kann sie auch wirtschaftlich relevant werden – von Ressourcennutzung und Importabhängigkeiten bis hin zu neuen Geschäftsmodellen und Resilienz.
Mit #StrongerInCircles sprechen wir mit Menschen, die Kreislaufwirtschaft aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und ihre Erfahrungen darüber teilen, was es braucht, damit Circularity in der Praxis funktioniert.
Für diese Ausgabe haben wir mit Dr. Clemens Ackermann, Geschäftsführer des RKW Baden-Württemberg, und Christine Palmer, Business Expertin Nachhaltigkeit beim RKW Baden-Württemberg, gesprochen.
Das RKW BW begleitet kleine und mittlere Unternehmen in Baden-Württemberg als Netzwerk, Sparringspartner und Weiterbildungsdienstleister und beschäftigt sich dabei auch mit der Frage, wie Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft im Mittelstand praktisch umgesetzt werden können.
Im Gespräch erklären Herr Dr. Ackermann und Frau Palmer, welche Chancen sie in der Kreislaufwirtschaft für KMU sehen, warum zwischen strategischen Ambitionen und praktischer Umsetzung noch eine Lücke besteht und welche Rolle Wissen, Ressourcen, Regulierung und wirtschaftlicher Mehrwert dabei spielen.
Dabei geht es auch um eine zentrale Frage: Was braucht es, damit Kreislaufwirtschaft im Mittelstand von einem bekannten Begriff zu gelebter Unternehmenspraxis wird?

Herr Ackermann, Sie verantworten das RKW seit 2024. Was macht das RKW und welche Ziele haben Sie für die Organisation gesetzt?

Das RKW BW ist in erster Linie ein Mittelstandsnetzwerk, dessen Aufgabe es ist, KMU in Baden-Württemberg produktiv miteinander zu verbinden. Hierfür bieten wir zahlreiche unterschiedliche Formate wie Dialoge, Online-Impulse, Arbeitskreise, etc. Zusätzlich versteht sich das RKW als Sparringspartner für den Mittelstand. Wir beraten KMU in sämtlichen betriebswirtschaftlichen Belangen, unterstützen bei der Produktionsoptimierung und fungieren als Weiterbildungsdienstleister. Unser Ziel ist es, dabei zu unterstützen den Mittelstand in Baden-Württemberg und damit den Wirtschaftsstandort zu stärken.

Frau Palmer, Sie sind Expertin für Nachhaltigkeit beim RKW und beschäftigen sich u.a. Mit Kreislaufwirtschaft. Wie wichtig ist das Thema für Sie als Organisation und welche Agenda verfolgen sie in diesem Kontext?

Beim RKW BW sprechen wir weniger über Nachhaltigkeit im rein ökologischen Sinne, sondern verstehen den Themenkomplex als Ganzes als zentralen Hebel für die Zukunftsfähigkeit mittelständischer Unternehmen. Und zwar in allen Dimensionen: E, S & G. Eben deshalb ist das Thema bei uns strategisch zentral verortet.
Kreislaufwirtschaft hat in diesem Zusammenhang eine hervorgehobene Stellung. Einerseits, weil sie große Potenziale im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit mit sich bringt, andererseits aber eben auch, weil sie wirtschaftlich geboten ist und die Resilienz von Unternehmen messbar steigern kann. Damit ist sie auch ein wichtiger Wettbewerbsfaktor.
Als RKW BW möchten wir Unternehmen dabei unterstützen, diese Potenziale zu erkennen und praxisnah umzusetzen. In diesem Zusammenhang bearbeiten wir gemeinsam mit anderen Landesorganisationen das durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderte Projekt „Kreislaufcaptains“. Das Projekt bietet KMU die Möglichkeit, eigene Mitarbeiter zu Experten in Sachen zirkulärem Wirtschaften qualifizieren zu lassen, sodass Kreislaufwirtschaft Teil des firmeninternen Denkens wird und Veränderungsprozesse aktiv gestaltet werden können.

An Ihre Mitglieder denkend, wie wird das Thema Kreislaufwirtschaft in der RKW Community wahrgenommen? Inwiefern wird hier eine Chance gesehen?

Zunächst einmal nehmen wir wahr, dass das Thema Kreislaufwirtschaft in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Diskussion spürbar an Bedeutung gewonnen hat. Gleichzeitig sehen wir in den Unternehmen, das der Begriff per se zwar bekannt ist, jedoch zunächst mit Recycling oder Abfallvermeidung verbunden und damit meist singulär vor dem Hintergrund ökologischer Nachhaltigkeit gelesen wird. Tatsächlich umfasst Kreislaufwirtschaft natürlich deutlich mehr: Sie beginnt bereits bei der Produktentwicklung, reicht über langlebige und reparierbare Produkte bis hin zu Wiederverwendung, Remanufacturing, der geringeren Importabhängigkeit, innovativen Geschäftsmodellen und vielem mehr. Wir sehen es hier auch als unsere Aufgabe, holistisch über die Potenziale der Kreislaufwirtschaft aufzuklären.
Kreislaufwirtschaft ist natürlich eine große Überschrift deren jeweilige individuelle Ausprägungen ganz unterschiedliche Formen annehmen kann.
Es gibt bei uns einige Mitgliedsunternehmen, deren Bemühungen in Puncto Kreislaufwirtschaft bereits sehr weit fortgeschritten sind. Diese erfolgreichen Umsetzungen machen sichtbar, dass Kreislaufwirtschaft kein theoretisches Konzept ist, sondern wirtschaftlichen Mehrwert schaffen kann. Von solchen Best Practices kann man viel lernen!

Die Regierung hat kürzlich ein Programm zur NKWS beschlossen. Wie blicken Sie auf die bisherigen Bemühungen "Zirkularität" in Deutschland zu fördern?

Die bisherigen Bemühungen Deutschlands kann man sicherlich als wichtigen strategischen Fortschritt bewerten – allerdings mit einer deutlichen Umsetzungslücke.
In der Vergangenheit wurde Kreislaufwirtschaft häufig rein als ökologischer Hebel begriffen, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Ökonomische Argumente wurden in den Argumentationen häufig vermisst, von den KMU nicht ausreichend wahrgenommen oder sie wirkten anhand viel zu offensichtlichen Beispielen nachträglich konstruiert. Auch Förderprogramme zum Thema Zirkularität blieben häufig im Stadium der Forschung stecken und konnten ihr Transferpotenzial zu selten entfalten. Das bedeutet aber nicht, dass die Bemühungen schlecht oder gar falsch waren. Es muss auch als Erfolg zählen, dass Kreislaufwirtschaft wohl den meisten ein Begriff ist und man darf nicht vergessen, dass noch vor wenigen Jahren der Klimadiskurs eines der bestimmenden Themen war. Aufgrund der aktuellen, multiplen Krisen und der Rückwärtsrolle in der Gesetzgebung – Stichwort „Omnibus“ – ist die Debatte um die Erderwärmung auf der unternehmerischen Agenda in den Hintergrund gerückt, weshalb es umso wichtiger ist, dass die Regierung mit dem Aktionsprogramm zur NKWS nun gezielt die Brücke zwischen Umweltpolitik und strategischer Industriepolitik schlägt und damit ein deutliches Zeichen setzt, dass zirkuläres Denken nichts von seiner Dringlichkeit eingebüßt hat.
Momentan sieht der Mittelstand die Regulatorik v.a. als Belastung und nicht als Chance und ist nicht selten damit überfordert. Den KMU fehlen häufig auch schlichtweg die Ressourcen – sei es Zeit, Personal, Fachwissen oder finanzielle Mittel. Es besteht außerdem die Sorge, im internationalen Wettbewerb Nachteile zu haben. Entscheidend wird nun sein, dass die angekündigten Maßnahmen schnell, bürokratiearm und praxisnah in der Breite der Unternehmen ankommen, um Lasten abzubauen, Unterstützung aufzubauen und die Transformation damit erfolgreich umzusetzen.

Vielen Dank, Herr Dr. Ackermann und Frau Palmer, für Ihre Zeit, Ihre Offenheit und die spannenden Einblicke in Ihre Arbeit mit dem Mittelstand – und darin, was es braucht, damit Kreislaufwirtschaft für KMU nicht nur ein Konzept bleibt, sondern in der Praxis umgesetzt werden kann.

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