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Mehrwegverpackungen zwischen Regulierung und Wirtschaftlichkeit – Ein Gespräch mit Doris Diebold von hey circle

Veröffentlicht am 25. Sep. 20266 min Lesezeit

Doris Diebold – Gründerin und CEO von hey circle

Doris Diebold – Gründerin und CEO von hey circle

Mehrwegverpackungen können Verpackungsabfälle vermeiden. Ob sie auch ökologisch und wirtschaftlich vorteilhaft sind, hängt jedoch vom konkreten System ab – unter anderem von der Zahl der tatsächlichen Umläufe, den Rückführungswegen und der Auslastung.
Mit unserer Reihe #StrongerInCircles sprechen wir mit Menschen, die Kreislaufwirtschaft aus unterschiedlichen Perspektiven in die Praxis bringen.
Für dieses Interview haben wir mit Doris Diebold gesprochen, Gründerin und CEO von hey circle. Das Unternehmen entwickelt wiederverwendbare Versandboxen und -taschen für den B2B- und E-Commerce-Versand und bietet ergänzend eine digitale Lösung zur Erfassung der Umläufe an.
Im Gespräch erläutert Doris, wie die Idee zu hey circle entstand, welche Anforderungen Mehrwegverpackungen im Versand erfüllen müssen und warum die Wirtschaftlichkeit für ihre Verbreitung entscheidend ist. Außerdem spricht sie über die neuen Vorgaben der europäischen Verpackungsverordnung und mögliche Einsatzmodelle im Refurbishment von IT-Hardware.

Doris, die Klimafrage und Dein eigenes Bestellverhalten waren der Auslöser für hey circle – wie genau kam es zur Gründung? Und warum nicht Verband, Initiative oder Politik?

2019 wollte ich mit meiner Arbeit einen echten positiven Impact schaffen. Als zweifache Mutter habe ich viel online bestellt und den Widerspruch täglich gesehen: wertige Verpackung, ein Transportweg, dann Müll. Warum ein Unternehmen und kein Verband oder die Politik? Weil Veränderung im Versand aus meiner Sicht am schnellsten über ein Produkt entsteht, das sich für Unternehmen rechnet - nicht über Appelle. Politik und Verbände setzen wichtige Rahmen, die PPWR ist dafür ein gutes Beispiel. Aber jemand muss die praktikable Lösung bauen, die Unternehmen freiwillig einsetzen, weil sie Kosten spart und im Alltag funktioniert. Aus meiner Konzernzeit wusste ich, dass am Ende die Wirtschaftlichkeit entscheidet - also wollte ich lieber selbst eine skalierbare Lösung bauen, als nur zu fordern.

Was genau macht Ihr bei hey circle? Wie funktioniert Euer Produkt und welche Kunden bedient Ihr?

Wir ersetzen den Einwegkarton durch robuste Mehrweg-Boxen und Versandtaschen. Jede Verpackung läuft im Schnitt rund 50 Mal, faltet sich für Retoure und Lagerung flach zusammen, ist von allen Paketdiensten freigegeben und läuft ohne Sperrgut-Zuschlag über die normalen Sortierbänder der Paketzentren. Über einen GS1 GRAI-Code erfassen wir digital jeden Umlauf und jede Einsparung. Unsere Kunden sind Versender im E-Commerce und im B2B in Deutschland und Österreich, vor allem dort, wo Versandkreisläufe ohnehin geschlossen sind: Austausch und Reparatur, Muster- und Auswahlsendungen, Verleih, Filialbelieferung, Rücksendungen und die Belieferung durch Zulieferer. Zuhause sind wir unter anderem im Gesundheitshandwerk, im IT- und Elektronik-Refurbishment, bei Konsumgütermarken und industriellen Zulieferern - mit Referenzen wie Prinoa Dental, der Österreichischen Post (Post Loop), pricon und Interzero.
Doris Diebold mit hey circle Verpackung
Doris Diebold mit hey circle Verpackung

Du kamst aus dem Konzern, nicht aus der Verpackungsbranche. War Dein Background vorteilhaft oder eher ein "Handicap", um das Produkt neu zu denken? Welche Learnings hast Du gemacht?

Für mich war es eher ein Vorteil. Weil ich nicht aus der Verpackungsbranche kam, habe ich das Problem vom Versandprozess her gedacht und nicht vom Karton. Aus rund 14 Jahren bei der Lufthansa kannte ich Prozessentwicklung, die Steuerung von Dienstleistern und die Frage, wie stark die Wirtschaftlichkeit über Entscheidungen bestimmt. Das "Handicap" war das fehlende Detailwissen zu Materialien, Konstruktion und den Spezifika der Paketdienste - das habe ich über Tests, gute Partner und viele ehrliche Fragen aufgeholt. Mein größtes Learning: Man muss nicht in allem Expertin sein. Entscheidend ist, die richtigen Fragen zu stellen und mit den Menschen zu reden, die den Markt und die Praxis wirklich kennen.

Ab 2030 gilt im nationalen B2B-Versand 100 % Mehrwegpflicht - Wellpappe bleibt ausgenommen. Welchen Effekt erwartest Du von der PPWR für den eCommerce Markt und für Euer Geschäft?

Die PPWR ist für uns klarer Rückenwind. Einweg-Wellpappe wurde zwar leider in vielen Fällen von den Mehrwegzielen ausgenommen. Entscheidend ist aber die Richtung. In geschlossenen B2B-Kreisläufen wird Mehrweg zum erwarteten Standard, und die nötigen Nachweise über Umläufe und Einsparungen machen die digitale Erfassung zur Pflicht. Für den B2C-E-Commerce gibt es zwar keine Mehrwegquote, aber Leerraum-Grenzen und steigende EPR- und Ökomodulierungskosten erhöhen den Druck auf Einweg zusätzlich. Für unser Geschäft heißt das: Die Regulatorik beschleunigt Gespräche und schafft Dringlichkeit - das eigentliche Kaufargument bleibt aber die Wirtschaftlichkeit. Bei uns rechnet sich Mehrweg ab etwa 25 Umläufen, und genau diese Kombination aus Pflicht-Vorbereitung und harten Kosten- und CO2-Vorteilen gewinnt Kunden.

Refurbished-Hardware wird mehrfach versendet, geprüft und zurückgeschickt: welche Wege siehst Du, diesen "Kreislauf" in der gelebten Praxis zu optimieren und nachhaltiger zu gestalten?

Refurbishment ist für uns ein Kernanwendungsfall - bei Interzero etwa wurden im Laptop-Versand 73 Prozent der Verpackungskosten eingespart. Geräte pendeln hier mehrfach: einsenden, prüfen, aufbereiten, zurücksenden. Der wichtigste Hebel ist, den Flow so zu gestalten, dass eine Verpackung idealerweise nie leer reist. Beim Refurbishment lässt sich das elegant lösen: Die Box, die das aufbereitete Gerät zum Kunden bringt, nimmt auf dem Rückweg direkt das Altgerät wieder mit - ein echter Austausch statt Leerfahrt.
Gerade für euch bei circulee sehe ich darin eine große Chance. So könntet ihr Empfänger von euren Waren gezielt dazu bringen, euch auf dem Rückweg ungenutzte Wertstoffe zurückzuschicken. Fast jeder hat diese Schublade mit alten Handys, Festplatten, Ladekabeln und Elektronik, die niemand mehr nutzt, die aber wertvolle Rohstoffe wie Kupfer oder Gold enthält. Mit eurem Know-how für sichere Datenlöschung lassen sich diese Schätze heben und die Geräte fachgerecht und gewinnbringend wieder aufbereiten oder recyceln. Das ist ein doppelter Gewinn: Der Kunde wird sein Altgerät ohne Datenschutzbedenken und sehr bequem los, ihr gewinnt wertvolle Rohstoffe und Aufbereitungsmaterial, und ökologisch schließt sich der Kreis wirklich.
Dazu kommen drei praktische Hebel, die den Kreislauf sauber machen: eine robuste, gut gepolsterte Mehrwegverpackung, die das Gerät über viele Wege schützt (weniger Transportschäden bedeuten weniger Ausschuss); die digitale Erfassung über den GRAI-Code, damit jeder Umlauf und jede Einsparung messbar wird; und - wo ein Leerweg doch einmal nötig ist - die flache Faltbarkeit, um gebündelt und günstig zurückzuführen. Der Schlüssel bleibt, Verpackung nicht als Verbrauchsmaterial zu behandeln, sondern als wiederverwendbares Asset im System.

Vielen Dank, Doris, für Deine Zeit und die spannenden Einblicke in das Geschäftsmodell von hey circle, die praktische Organisation von Mehrwegsystemen und Deine Einschätzung der PPWR.

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