ExperteninterviewKreislaufwirtschaftStronger in Circles
Second Life als Rechenaufgabe – Ein Gespräch mit Theresa Schuhmann
Veröffentlicht am 19. Jan. 20265 min Lesezeit

Theresa Schuhmann, Co-Founderin ReCircle Impact UG – Im Gespräch mit circulee zur Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft gewinnen wir nicht allein.
Wir glauben an den Mehrwert von Partnerschaft, Austausch und gemeinsamen Lernen.
Genau darum geht es in Stronger in Circles. In dieser Reihe sprechen wir mit Gründer:innen und Macher:innen aus der Circular Economy, die ihre Erfahrungen teilen und Perspektiven öffnen.
Für dieses Interview haben wir mit Theresa Schumann, Co-Founderin von ReCircle Impact, gesprochen.
Theresa teilt Einblicke aus dem Aufbau von Second-Life-Modellen im großen Maßstab
und spricht darüber, welche Fragen sich in der Praxis stellen, wo Unsicherheit Prozesse bremst
und warum frühe Klarheit so wichtig ist.
Ein Gespräch über Second Life, über wirtschaftliche Realität und Vertrauen
und darüber, wie Kreislaufwirtschaft Schritt für Schritt Wirkung entfalten kann.
Theresa, wie bist Du zur Kreislaufwirtschaft gekommen? Und wie wurde daraus der Punkt, an dem klar war: Ich will dafür echte Lösungen bauen?
"Ich bin über die Praxis zur Kreislaufwirtschaft gekommen. Ich habe bei einem großen
Modekonzern den Recommerce-Bereich aufgebaut und bin an das Thema Take-back, Resale und
Second Life zunächst ziemlich naiv herangegangen mit der Annahme: Wenn Dinge noch nutzbar
sind, steckt automatisch auch Wert in ihnen. Dann haben wir sehr schnell skaliert. Innerhalb weniger Monate wurden Millionen von Artikeln gehandelt. Und genau da kam die zentrale Erkenntnis: Ja, Second-Life-Produkte haben enormes Potenzial, aber nicht alles hat automatisch einen Markt. Viele Artikel sind in einem
„Dazwischen-Zustand“: zu alt, um noch relevant zu sein, zu jung für Vintage, oft mit begrenzter
Qualität. Diese Realität wird in vielen Kreislauf-Modellen ausgeblendet.
Mir wurde klar: Wenn Kreislaufwirtschaft für große Player wirklich relevant und skalierbar
werden soll, dann muss sie operativ exzellent funktionieren. Die Handlingkosten sind ähnlich hoch
wie bei Neuware, die Margen aber deutlich geringer. Der Hebel liegt also darin, sehr früh im
Prozess die richtigen Entscheidungen zu treffen: Was lohnt sich weiterzuführen? Was nicht? Und
welchen Deckungsbeitrag kann ein Artikel realistisch noch erwirtschaften?
Diese Entscheidungen dürfen nicht erst am Ende fallen, sondern müssen datenbasiert und
möglichst früh getroffen werden. Das wirkt wie ein Blick in die Glaskugel, ist aber mit moderner
Technologie und probabilistischen Modellen sehr gut näherungsweise möglich.
Genau daraus ist meine Motivation entstanden: Second Life wirtschaftlich zu machen. Nicht als
Ideal, sondern als funktionierendes, skalierbares Geschäftsmodell. ReCircle Impact ist für mich
der Versuch, Kreislaufwirtschaft aus der moralischen Ecke zu holen und sie so aufzusetzen, dass
sie für große Volumina, echte Märkte und reale Entscheidungen funktioniert."
Welche Vision steht für Dich hinter der Gründung von ReCircle Impact – und was wollt Ihr ganz konkret verändern: für Unternehmen, im Alltag von Menschen und für unseren Planeten?
"Unsere Vision ist eine Welt, in der Ressourcen wertgeschätzt, wiederverwendet und nicht
verschwendet werden. Das klingt groß, beginnt für uns aber ganz konkret bei den ungenutzten
Gegenständen, die in Haushalten lagern und irgendwann zwangsläufig im Müll landen.
In einer zunehmend digitalen Welt bleiben Dinge oft unsichtbar, solange es keinen Datensatz zu
ihnen gibt. Was im Keller, in der Abstellkammer oder im Sperrmüll verschwindet, existiert digital
nicht und hat damit kaum eine Chance auf ein zweites Leben. Ich glaube fest daran: Wenn aus
physischen Dingen digitale Datensätze werden, steigt ihre Chance enorm, wieder gesehen,
weitergegeben und genutzt zu werden.
Genau hier setzt ReCircle Impact an. Wir entwickeln Technologien, die ungenutzte Gegenstände
sichtbar machen und zwar früh genug, bevor sie entsorgt werden. Aktuell arbeiten wir an
Lösungen rund um Sperrmüll und die Wiederverwendung von Alltagsgegenständen, die eigentlich
noch in gutem Zustand sind, aber bereits auf dem Weg in den Müll waren.
Für Menschen bedeutet das: niedrigschwellige, einfache Möglichkeiten, richtig zu handeln, ohne
lange recherchieren oder entscheiden zu müssen. Für Unternehmen heißt es: bessere Daten,
bessere Entscheidungen und wirtschaftlich tragfähige Second-Life-Modelle. Und für unseren
Planeten bedeutet es vor allem eines: weniger Verschwendung, längere Nutzungszyklen und ein
echter Schritt hin zu funktionierender Kreislaufwirtschaft."
Auch Ihr setzt bei ReCircle stark auf Weiterverwendung. Warum liegt für Dich genau im Second-Life-Ansatz ein so großer Hebel?
"Schau dir einfach einmal deinen eigenen Keller an, deinen Kleiderschrank, die Spielzimmer deiner
Kinder oder die Schreibtischschublade, in der vielleicht noch mehrere alte Smartphones liegen.
Wir leben in einer Welt der Dinge. Konsum ist extrem einfach geworden - alles ist nur einen Klick
entfernt. Gleichzeitig stapeln sich überall Gegenstände, die eigentlich noch völlig nutzbar sind.
Das war übrigens schon früher so. Auch die Keller unserer Großeltern waren voll. Der
Unterschied ist heute vor allem die schiere Menge. Und genau darin liegt für mich der größte
Hebel: In dieser Masse an ungenutzten Dingen steckt enormes Second-Life-Potenzial.
Viele dieser Gegenstände nutzen sich nicht wirklich auf. Sie verlieren vielleicht an Relevanz, nicht
aber an Funktion. Werden sie im richtigen Moment wieder in den Kreislauf zurückgeführt, können
sie problemlos ein zweites oder sogar drittes Leben haben.
Der zweite große Hebel ist die Einfachheit. Second Life braucht oft keine neue, komplexe
Technologie. Kleidung kann gewaschen und weitergegeben werden. Bücher,
Haushaltsgegenstände, Spielzeug oder Elektronik können direkt erneut genutzt werden. Das
macht Wiederverwendung extrem niedrigschwellig, für Menschen genauso wie für Unternehmen.
Und genau diese Kombination aus schierer Menge, einfacher Umsetzung und unmittelbarer
Wirkung macht den Second-Life-Ansatz für mich so wirkungsvoll. Er ist naheliegend, skalierbar
und sofort umsetzbar und damit einer der schnellsten Wege, Kreislaufwirtschaft wirklich in die
Breite zu bringen."
Gibt es ein Produkt oder eine Kategorie, bei der Du gerade besonders viel ungenutztes Second-Life-Potenzial siehst? Etwas, das viele vielleicht noch nicht wirklich auf dem Schirm haben?
"Ehrlich gesagt glaube ich, dass in fast allen Kategorien enormes Second-Life-Potenzial steckt. Wir
arbeiten sehr breit und sehen überall Wert, der heute noch ungenutzt bleibt.
Ein Beispiel, das vielleicht nicht sofort als skalierbares Geschäftsmodell gilt, mir aber besonders im
Kopf geblieben ist, sind Musikinstrumente. Gerade bei Wohnungsauflösungen oder wenn ein
Leben endet, tauchen sie häufig auf: Instrumente, an denen viele Erinnerungen und Emotionen
hängen. Für viele Menschen ist das Wegwerfen keine Option, selbst wenn sie wissen, dass sie das
Instrument selbst nie spielen werden.
Gleichzeitig gibt es gute Möglichkeiten, Instrumente aufzuarbeiten und weiterzugeben. Was oft
fehlt, ist der gezielte Weg in ein neues, sinnvolles Umfeld. Etwa in Bildungskontexte, in eine Art
„Bibliothek der Dinge“, in Musikschulen oder in soziale Milieus, in denen der Zugang zu
Instrumenten sonst kaum möglich ist.
Hier zeigt sich für mich sehr deutlich, worum es beim Second Life auch geht: nicht nur um
wirtschaftlichen Wert, sondern um Vertrauen und Sinn. Menschen möchten wissen, dass Dinge,
die ihnen wichtig waren, in guten Händen weiterleben. Genau dieses emotionale Moment wird im
Kreislaufdiskurs oft unterschätzt, dabei ist es ein entscheidender Hebel, um Wiederverwendung
überhaupt möglich zu machen."
Wo erlebst Du aktuell die größte Lücke zwischen dem Wunsch nach Nachhaltigkeit und der Realitätin Unternehmen? Welcher Glaubenssatz hält Deiner Meinung nach manche noch zurück?
"Die größte Lücke sehe ich aktuell dort, wo Unternehmen zwar großes Interesse an
Kreislaufwirtschaft haben, aber unsicher sind, was das konkret für ihr Kerngeschäft bedeutet, vor
allem bei industriellen Second-Life-Cases wie ReUse, Refurbishment oder Remanufacturing.
Ein zentraler Glaubenssatz ist die Angst, sich selbst zu kannibalisieren. Viele fragen sich:
Torpedieren wir damit unsere Primärverkäufe? Verkaufen wir ein neues Produkt nicht besser und
mit höherer Marge als ein remanufacturiertes? Und diese Sorge ist nicht völlig unbegründet –
darauf gibt es keine einfache Ja-oder-Nein-Antwort.
Second Life ist kein Ideal, sondern eine Rechenaufgabe. Auf der einen Seite entfallen
Entwicklungs- und Teile der Logistikkosten, auf der anderen entstehen neue Kosten für
Rückführung, Prüfung und Aufbereitung. Gleichzeitig wird ein Produkt aber erneut verkauft und
generiert zusätzlichen Umsatz. Entscheidend ist deshalb nicht die Idee an sich, sondern die Frage:
Welchen Deckungsbeitrag kann ein bestimmter Second-Life-Case realistisch leisten?
Hinzu kommt, dass Second Life oft neue Märkte erschließen kann - etwa über andere Preispunkte,
Qualitätsstufen oder Zielgruppen. Das verändert die Perspektive: Es geht nicht zwingend um
Konkurrenz zum Neuprodukt, sondern um Ergänzung und Differenzierung.
Was ich häufig erlebe, ist, dass diese Fragen zu komplex erscheinen und deshalb aufgeschoben
werden. Kreislaufwirtschaft bleibt dann ein Thema der Sustainability-Abteilung, statt Teil einer
ernsthaften Revenue- und Produktstrategie zu werden. Dabei folgen aus einer klaren
Entscheidung viele positive Effekte: von der Gestaltung besser reparierbarer Produkte bis hin zu
bewusstem Design für Demontage und Wiederverwendung.
Der eigentliche Hemmschuh ist aus meiner Sicht nicht mangelnder Wille, sondern Unsicherheit.
Die Frage lautet weniger „Wollen wir das?“ als vielmehr „Was bedeutet das konkret für unser
Geschäftsmodell?“ Und genau diese Unsicherheit gilt es aufzulösen."
Was brauchen wir mehr, was wünschst Du Dir stärker, damit Kreislaufwirtschaft ihre volle Wirkung entfalten kann?
"Ich wünsche mir vor allem mehr Mut. Den Mut von Unternehmen, Kommunen und Städten, aktiv
auszuprobieren, was passieren kann, wenn man ReUse, Refurbishment oder Remanufacturing
nicht nur diskutiert, sondern wirklich angeht.
Kreislaufwirtschaft entsteht nicht am Reißbrett. Sie braucht kleine, reale Test-Setups, in denen
man Second-Life-Operations lean, datenbasiert und systemgestützt aufbauen kann. Erst dann
lassen sich Effekte sichtbar machen, Cases rechnen, Annahmen überprüfen und Entscheidungen
fundiert treffen.
Das erfordert Investitionsbereitschaft nicht nur in Software, sondern auch in Prozesse, in neue
Denkweisen und in organisatorische Veränderungen. Und ja: Das ist kein Geschäftsmodell, das
vom ersten Tag an perfekt fliegt. Aber wer bereit ist, diesen Lernprozess zuzulassen, kann sich
langfristig strategische Vorteile sichern.
Gerade vor dem Hintergrund fragiler Lieferketten, steigender Rohstoffpreise und begrenzter
Ressourcen ist Kreislaufwirtschaft kein „Nice-to-have“, sondern eine Frage von Resilienz und
Wettbewerbsfähigkeit. Wer heute beginnt, die richtigen Stellschrauben zu setzen, kann dem
Markt morgen einen entscheidenden Schritt voraus sein.
Am Ende geht es darum, lineares Denken aufzubrechen. Der Kreis muss nicht von Anfang an
perfekt sein, aber er muss beginnen, sich zu schließen."
Danke, liebe Theresa, für dieses sehr inspirierende Gespräch und für den offenen Einblick in Deine Arbeit und Deine Gedanken. Deine Perspektiven zeigen, wie viel Klarheit entsteht, wenn Kreislaufwirtschaft aus der Praxis gedacht wird und mutig ausprobiert werden darf.
Danke fürs Teilen – und fürs Einfach-mal-machen.
Großer Applaus für Dich.
Das könnte Dir auch gefallen


