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Warum Circularity die richtigen Prozesse braucht – Ein Gespräch mit Felix Grund

Veröffentlicht am 15. Juli 20264 min Lesezeit

Felix Grund, Gründer & Geschäftsführer, fluxs

Felix Grund, Gründer & Geschäftsführer, fluxs

Wenn über Kreislaufwirtschaft gesprochen wird, geht es oft um Nachhaltigkeitsziele, Recycling und langlebiges Produktdesign.
Weniger Aufmerksamkeit erhalten die Prozesse, Systeme und Infrastruktur, die Circularity überhaupt erst skalierbar machen. Denn zwischen Rücknahme, Aufbereitung und Wiedervermarktung entscheidet sich, ob Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich funktionieren kann.
In dieser Ausgabe von #StrongerInCircles sprechen wir mit Felix Grund, Gründer & Geschäftsführer von fluxs darüber, welche operativen Herausforderungen Unternehmen heute noch ausbremsen, warum Circularity ein anderes Operating Model braucht und weshalb die eigentliche Arbeit oft dort beginnt, wo der erste Produktlebenszyklus endet.

Felix, wie bist Du zur Kreislaufwirtschaft gekommen? Und was war der Moment, in dem klar wurde: Die Infrastruktur, die es braucht, gibt es noch nicht. Also baue ich sie selbst.

Ehrlich gesagt kam der Impuls nicht aus einem Manifest, sondern aus einem sehr konkreten Kundenbedarf - wir halfen damals aus im Bereich ERP Building, da das mein eigentlicher Ursprung ist: Software/Systeme bauen und customizen. Einer unserer ersten Kunden brauchte einen Fulfillment-Partner, der nicht nur versendet, sondern Retouren annimmt, aufbereitet, repariert und die Produkte wieder in den Umlauf gibt.
Wir haben nach einem passenden Partner gesucht, der das leistet und schlussendlich keinen gefunden. Klassische Fulfillment-Anbieter können versenden, aber sie können kein Refurbishment. Werkstätten können reparieren, aber kein Fulfillment im industriellen Maßstab. Zwischen diesen beiden Welten klaffte eine Lücke, in der genau die Prozesse leben, die Kreislaufwirtschaft überhaupt erst skalierbar machen. In dem Moment war klar: Wenn es das nicht gibt, dann bauen wir es. Das war 2022, und aus dieser Lücke ist FLUXS in seiner heutigen Form entstanden.

Ihr beschreibt fluxs als Circular Fulfillment Partner. Was genau macht Ihr anders als klassische Fulfillment-Anbieter?

Der Unterschied liegt nicht im Lager an sich, sondern in dem, was zwischen zwei Nutzungszyklen eines Produktes passiert. Ein klassischer Fulfillment-Anbieter denkt in einer Richtung: Paletten-Neuware rein, Einzel-Neuware schnell raus, Kunde zufrieden. Die Retoure an sich ist meines eine Art Störfall, den man möglichst günstig abwickelt und der nur daraus resultiert, dass entweder ein Fulfillment Fehler passiert ist oder der Kunde unglücklich über den Artikel selbst ist.
Bei uns ist der Rückweg und das zurück zum nächsten Kunden der eigentliche Kern des Geschäftsmodells. Wir sind reiner B2B-Dienstleister für Hersteller und Plattformen im Bereich Re- und Rent-Commerce. Neben dem klassischen Neuwaren-Fulfillment bzw. Dem gesamten Waren-Handling, nehmen wir für unsere Kunden Retouren an, prüfen sie auf Vollständigkeit und Qualität, reinigen und reparieren diese in eigenen Werkstätten. Und wir bringen sie innerhalb von 48 Stunden zurück in den Umlauf des Kunden. Konkret heißt das: eigener Bike-Workshop mit Zweirad-Mechanikern, dedizierte Refurbishment-Stationen für Kinderwagen, Kindersitze, Fahrradanhänger, Tragen uvm. sowie Prozesse, die Serialisierung und Zustandsdaten pro Einzelstück tracken und das im Lager überhaupt erst möglich machen, ein Produkt in verschiedenen Zustands-Stufen zu bearbeitent.
Wir sind, Stand heute, der einzige spezialisierte Anbieter für zirkuläres B2B-Fulfillment und Refurbishment im Segment Kinder- und Mobilitätsprodukte in Deutschland.

Wo stoßen Marken, Hersteller und Plattformen beim Aufbau zirkulärer Prozesse operativ an Grenzen und wie unterstützt fluxs dabei?

Es sind fast immer die gleichen drei Engpässe, oftmals in direkter Kombination:
Refurbishment-Kapazität und -Qualität. Aufbereitung an sich ist ein Handwerk, kein Nebenprodukt der Retourenannahme. Man braucht geschulte Leute, definierte Qualitätsstufen, Ersatzteil-Logistik, dokumentierte Reparaturhistorien etc. Wer das im eigenen Haus hochzieht, unterschätzt regelmäßig die Skalierungskurve. Irgendwann kommt das Volumen, und die Aufbereitung ist der Flaschenhals. Wir bringen die Kapazität und die Qualitätsdisziplin mit, so dass Marken ihr Wachstum nicht ausbremsen müssen.
Systeme und Datenfluss. Rent-Commerce oder Re-Commerce funktioniert nur, wenn Shop, ERP, WMS und Aufbereitungssystem sauber miteinander sprechen. Jedes einzelne Produkt muss durch mehrere Zyklen serialisiert nachverfolgbar sein. Genau da brechen die meisten Setups: Systeme sind für Einweg-Commerce gebaut, nicht für den qualifizierten Rückweg. Wir habe in einem Custom System die Integrationen und den Datenfluss mit voll dokumentierter API gebaut, damit Zustand, Standort und Reparaturhistorie jedes Produkts jederzeit sichtbar sind.
Personal und Prozess-Know-how. Ein klassisches Fulfillment-Team kann kein Refurbishment. Das ist keine Weiterbildung von zwei Wochen. Und ein guter Mechaniker ist noch lang kein Prozessverantwortlicher für Serienaufbereitung. Wir bringen beide Welten unter einem Dach zusammen, und das ist genau der Wert, den ein Kunde einkauft, wenn er zu uns kommt: Er muss diese Kompetenz nicht selbst aufbauen und erhält bei uns das Know-How sowie die Prozesse mit KPI-Systematiken, transparent und somit unit-economics verträglich planbar.

Warum fokussiert Ihr Euch vor allem auf Kinder- und Mobilitätsprodukte? Was macht sie für die Kreislaufwirtschaft so besonders?

Ich sehe hier zwei ganz entscheidende Faktoren, neben der Tatsache, dass dieser Markt neben Electronics und Textil auch einfach noch überhaupt nicht belegt war, wir den Markt an sich aber superspannend und treffend fanden:
Oftmals kurze Nutzungsdauer mit hohem Restwert: Kinderwagen, Kindersitze, Kinderfahrräder, Kindertragen. All diese Produkte werden nicht kaputt genutzt, aus Ihnen wird meistens herausgewachsen. Ein Kinderwagen ist nach 12 Monaten noch in einem super Zustand, in dem er mehrere weitere Familien tragen könnte. Der wirtschaftliche Restwert ist hoch, das ökologische Argument ohnehin. Genau in dieser Lücke zwischen "wird nicht mehr gebraucht" und "hat noch viele Jahre Leben" liegt das Geschäft.
Nicht-elektronisch aber dennoch gut aufbereitbar. Wir haben uns bewusst auf mechanische Produkte konzentriert. Mechanik lässt sich standardisieren, prozessualisieren, kalkulieren. Bei Elektronik hast Du Firmware-Themen, Akku-Alterung, schwierige Prüf- und Zertifizierungslogik - mal davon abgesehen, dass das in Deutschland schon stark besetzt ist. Mechanik dagegen: reinigen, prüfen, reparieren, wieder in den Umlauf bringen. Und das mit kurzen Wegen, aus Deutschland für deutsche Kunden, denn hier lohnt der Weg nicht ins EU-Ausland. Wenn Du zirkuläre Prozesse zum ersten Mal industrialisierst, willst Du genau diese Kalkulierbarkeit. Und deshalb ist das der Bereich, in dem wir tief sind, bevor wir irgendwo hin verbreitern.

Was verstehen die meisten Unternehmen über Circularity noch komplett falsch? Was wünscht Du Dir, würde sich hier ändern?

Es sind zwei Denkfehler, die ich am häufigsten sehe:
1. Circularity wird als Marketing-Layer behandelt, nicht als vollständiger Umbau der Operations.
Man legt eine "grüne" Story über bestehende Prozesse. Nachhaltige Verpackung, ein Rücknahmeversprechen, ein Refurbished-Label im Shop. Aber die eigentliche Arbeit passiert dahinter: im Wareneingang, in der Aufbereitung, in den Systemen, in den Kalkulationsmodellen. Wenn diese Ebene nicht umgebaut wird, ist Circularity ein Marketing-Anspruch, den die Operations irgendwann nicht mehr einlösen können. Und dann wird es teuer, unglaubwürdig, oder beides.
2. Der Glaube, man könne mit Zirkularität kein Geld verdienen und würde sich selbst kannibalisieren.
Das ist der Denkfehler, der aus meiner Sicht am meisten Wertschöpfung verhindert. Ich kenne die Unit Economics unserer Kunden. Anders geht es auch nicht, wir können nur gemeinsam wertschöpfende Prozesse aufbauen. Und die Zahlen zeigen sehr klar: Mit der Vermietung von Produkten lässt sich über den Lebenszyklus mehr Geld verdienen als mit dem einmaligen linearen Verkauf. Und auch im linearen Geschäft lässt sich über Re-Commerce, Trade-In oder andere Rückführungsmodelle das gleiche Produkt zwei- bis dreimal monetarisieren.
Und das ist der entscheidende Punkt, ohne dass man sich das Neugeschäft kannibalisiert. Zirkuläre Angebote erschließen in der Regel auch ganz neue Zielgruppen. Menschen, denen ein Neukauf zu teuer ist, oder die schlicht nicht bereit sind, für ein Produkt, das sie sechs Monate nutzen, den vollen Neupreis zu zahlen. Die aber trotzdem auf zertifizierte Qualität aus dem High-Quality-Segment zugreifen wollen. Das sind Käufer, die vorher gar nicht im Markt waren. Genau da findet das Umdenken statt: Circularity ist kein Verzicht auf Umsatz, sondern eine zweite und dritte Umsatzschicht auf dieselbe Produkteinheit. Plus Zugang zu Käufergruppen, die man linear nie erreicht hätte. Von Kundenbindung und Markenwahrnehmung ganz zu schweigen.
Was ich mir wünsche: dass Unternehmen aufhören, Kreislaufwirtschaft als Kommunikations- oder Kostenthema zu behandeln, und anfangen, sie als das zu sehen, was sie ist. Ein anderes Geschäftsmodell mit anderen Prozessen, anderen KPIs und mit einem echten wirtschaftlichen Upside. Sobald man es so denkt, macht es für Hersteller nicht nur Sinn, es macht auch richtig Spaß.

Vielen Dank, Felix, für Deine Zeit und die spannenden Einblicke in die operative Seite der Kreislaufwirtschaft. Danke, dass Du Deine Erfahrungen darüber geteilt hast, welche Voraussetzungen Unternehmen schaffen müssen, damit zirkuläre Geschäftsmodelle langfristig erfolgreich umgesetzt und skaliert werden können.