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Warum Circular Economy nicht am Wissen scheitert – Ein Gespräch mit Rebecca Tauer vom WWF
Veröffentlicht am 30. Apr. 20264 min Lesezeit

Rebecca Tauer, Teamleitung Circular Economy, WWF
Mit unserer Reihe #StrongerInCircles sprechen wir mit Menschen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der praktischen Umsetzung von Kreislaufwirtschaft beschäftigen.
Für dieses Interview haben wir mit Rebecca Tauer gesprochen, Teamleitung Circular Economy beim WWF Deutschland. Sie arbeitet seit über 15 Jahren an der Schnittstelle von Strategie, Wirtschaft und Nachhaltigkeit und begleitet Unternehmen auf ihrem Weg hin zu zirkulären Geschäftsmodellen.
Im Gespräch beschreibt sie, wie sich die Rolle der Circular Economy verändert hat, wo heute die zentralen Herausforderungen liegen und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit zirkuläre Ansätze im Unternehmensalltag wirksam werden.
Rebecca, Du bist seit über 15 Jahren international in Circular Economy aktiv. Wie bist Du damals dazu gekommen – und welche großen Veränderungen hast Du in dieser Zeit erlebt?
Ich komme ursprünglich aus der Unternehmensstrategie und habe dort sehr früh gesehen, dass lineare Geschäftsmodelle systematisch Risiken ausblenden – insbesondere Ressourcenabhängigkeiten, Preisvolatilitäten und langfristige Wertverluste. Circular Economy war für mich zunächst ein ökonomisches Thema, bevor die ökologische Dringlichkeit immer stärker in den Fokus gerückt ist.
Die Idee selbst ist nicht neu – sie wurde bereits in den 1970er Jahren diskutiert. Neu ist, dass sie heute unter massivem Handlungsdruck steht und damit strategische Relevanz für Unternehmen gewonnen hat.
Wenn ich auf die Entwicklung beim WWF schaue: Als wir vor etwa sieben Jahren stärker in das Thema eingestiegen sind, kamen wir stark aus der Perspektive „Müll in der Natur“ - wir alle kennen die Bilder der Plastiktüten im Meer. Gleichzeitig gab es in Deutschland damals kaum umfassende politische Rahmenbedingungen für eine Kreislaufwirtschaft, welche alle zirkulären Ansätze förderte, sondern primär Regelungen im Abfallbereich.
Mit Projekten wie Modell Deutschland Circular Economy konnten wir dazu beitragen, den Blick stärker auf Ressourcennutzung und obere R-Strategien zu lenken, mit einem Fokus darauf, in welchen Sektoren und mit welchen Maßnahmen der größte Nutzen entsteht. Diese Perspektive spiegelt sich heute auch in politischen Strategien wie der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie wider.
Parallel hat sich der Fokus extern verschoben: Während es früher stark um Wissensaufbau ging, stehen heute Skalierung und Umsetzung im Vordergrund. Und genau dort sehen wir weiterhin die größte Herausforderung – viele Strategien und Piloten, aber noch zu wenig breite Umsetzung.
Du leitest den Bereich Circular Economy beim WWF Deutschland. Wo setzt Du konkret an, wenn Du Unternehmen auf ihrem Weg zu echter Transformation begleitest?
Der Einstieg ist die Frage nach Wesentlichkeit: Wo liegen die größten Hebel im Unternehmen, um tatsächlich Wirkung zu erzielen? Für uns bedeutet Wirkung ganz konkret, Treibhausgasemissionen zu reduzieren, den Druck auf Biodiversität zu senken und Ressourcenverbrauch insgesamt zu verringern.
Für mich steht immer das Gesamtbild im Mittelpunkt – also der langfristige Weg zur Transformation. Gleichzeitig sind wir pragmatisch. Wir setzen oft dort an, wo bereits Energie im System ist – sei es ein Produkt, ein Pilot oder ein Geschäftsmodell – und entwickeln daraus skalierbare Ansätze. Entscheidend ist, dass wir dabei immer das übergeordnete Zielbild im Blick behalten.
Um Unternehmen konkret zu unterstützen, entwickeln wir Tools und Formate – vom Circular Business Strategy Guide über Self-Assessments bis hin zu interaktiven Ansätzen wie dem Make it Circular-Planspiel. Diese helfen, Circular Economy greifbar zu machen und strategisch zu verankern. Diese wenden wir dann auch in transformativen Partnerschaften an, sowohl in längerfristiger Zusammenarbeit wie mit Edeka, Lidl oder Jokey, öfters auch in kürzeren Workshops oder Feedback.
Aktuell treiben wir zudem stark die Frage voran, wie sich zirkuläre Lösungen auch betriebswirtschaftlich besser darstellen lassen – denn Transformation wird sich nur durchsetzen, wenn sie im wirtschaftlichen Kern von Unternehmen ankommt.
Was ist das WWF One Planet Business Framework und wie unterstützt es Unternehmen dabei, innerhalb der planetaren Grenzen zu wirtschaften?
Das One Planet Business Framework ist im Kern ein Orientierungsrahmen für Unternehmen, die Nachhaltigkeit nicht als Zusatzthema behandeln wollen, sondern als Grundlage ihres Geschäftsmodells.
Der entscheidende Unterschied: Es definiert nicht, was Unternehmen heute leisten, sondern was sie leisten müssen, um ihr Wirtschaften an planetaren Grenzen und gesellschaftlichen Zielen – wie dem Pariser Klimaschutzabkommen oder dem Beschluss von Montreal zum Schutz der Natur – auszurichten. Es setzt damit einen klaren, wissenschaftsbasierten Zielkorridor.
Gleichzeitig hilft es, diese Anforderungen in unternehmerische Realität zu übersetzen – indem es strukturierte Vorgehensweisen vorgibt, Prioritäten entlang der zentralen Nachhaltigkeitsthemen ableitet und diese systematisch in bestehende Strategie-, Entscheidungs- und Steuerungsprozesse integriert.
Circular Economy ist darin ein zentraler Hebel – aber eingebettet in ein ganzheitliches Verständnis von Wirtschaften innerhalb planetarer Grenzen.
Welche Veränderungen sind aus Deiner Sicht entscheidend, damit Circular Economy im Unternehmensalltag wirklich ankommt?
Der zentrale Punkt ist: Circular Economy scheitert heute nicht am Wissen, sondern an der Umsetzung im System.
Erstens braucht es ein anderes Verständnis von Wertschöpfung. Geschäftsmodelle müssen stärker auf Nutzung, Werterhalt und Langlebigkeit ausgerichtet werden. Also eine Erweiterung dessen, wie ein Unternehmen Wert generiert – kurzfristig und isoliert, oder nachhaltig und qualitativ.
Zweitens muss das Thema ins Kerngeschäft – mit klarer Verankerung auf Managementebene, Integration in Strategie und Steuerung sowie verbindlichen Zielen.
Drittens ist es ein kultureller Wandel. Circular Economy erfordert mehr Systemdenken, mehr Kooperation und die Bereitschaft, bestehende Logiken zu hinterfragen.
Viertens sind politische Rahmenbedingungen entscheidend. Ohne ein Level Playing Field bleiben ambitionierte Unternehmen im Nachteil, weil sie die Transformation allein finanzieren. Verlässliche Regulierung und die richtigen Preissignale sind zentrale Voraussetzungen für Skalierung.
Und schließlich braucht es auch einen gesellschaftlichen Wandel. In WWF-Projekten wie Ressourcenleicht Leben 2045 sehen wir, dass Circular Economy nur dann funktioniert, wenn Alltagspraxis, kommunale Angebote und politische Rahmenbedingungen zusammengedacht werden. Transformation ist nicht nur eine Unternehmensaufgabe, sondern eine gesamtgesellschaftliche.
Was funktioniert heute schon besser, als viele vermuten – und was fehlt noch, damit es wirtschaftliche Normalität wird?
Viele Lösungen sind längst vorhanden – und zwar nicht nur theoretisch, sondern praktisch erprobt. In unseren Arbeiten, etwa in der Studie Den Kreislauf in die Industrie bringen, sehen wir sehr klar, dass es in vielen Sektoren bereits funktionierende Ansätze gibt, die ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich tragfähig sind.
Gerade Strategien wie Remanufacturing oder die Wiederverwendung von Komponenten rechnen sich in vielen Industrien schon heute und bieten einen pragmatischen Einstieg. Von dort aus kann Skalierung entstehen.
Ein zentraler Hebel, an dem wir aktuell arbeiten, ist daher die Frage des Business Case – genauer: Warum rechnen sich zirkuläre Modelle so selten, obwohl sie es eigentlich täten? Die Antwort liegt nicht in der Realität, sondern in der Sichtbarkeit: Die Profitabilität zirkulärer Produkte wird systematisch unterschätzt, weil ihre wirtschaftlichen Vorteile in klassischen Bewertungslogiken schlicht nicht auftauchen. Genau das wollen wir ändern – denn erst wenn zirkuläre Modelle auf Augenhöhe bewertet werden können, wird Circular Economy vom Projekt zur wirtschaftlichen Normalität.
Und es ist auch eine Frage der Haltung. Es gibt Unternehmen, die vorangehen – mit langfristigen Zielen, eigenen Standards und der Bereitschaft zu investieren. Genau davon braucht es mehr.
Gerade im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld ist es entscheidend, kurzfristige Entscheidungen konsequent in langfristige Transformationspfade einzubetten.
Vielen Dank, Rebecca, für Deine Zeit, für Dein Engagement und Deine langjährige Arbeit beim WWF, in der Du Circular Economy aus strategischer und systemischer Perspektive weiterentwickelst – sowie für die klaren Einblicke, wie Transformation in Unternehmen gelingen kann.
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