ExperteninterviewStronger In CirclesKreislaufwirtschaft
Warum unsere Wirtschaftsweise einen Perspektivwechsel braucht – ein Gespräch mit Herrn Tim Janßen
Veröffentlicht am 22. Jan. 20264 min Lesezeit

Tim Janßen – Mitgründer und Geschäftsführer Cradle to Cradle NGO
Kreislaufwirtschaft entsteht nicht im Alleingang. Sie lebt von Austausch, unterschiedlichen Perspektiven, klaren Haltungen und dem Mut, bestehende Logiken zu hinterfragen. Mit Stronger in Circles schaffen wir Raum für genau diese Gespräche. Wir sprechen mit Menschen, die Kreislaufwirtschaft nicht nur denken, sondern aktiv gestalten.
Für dieses Interview haben wir mit Herrn Tim Janßen, Co-Founder und Geschäftsführer der Cradle to Cradle NGO, gesprochen.
Ein spannendes Gespräch über Gestaltung, Verantwortung und die Frage, wie Wirtschaft grundlegend anders gedacht werden kann und warum Kreislaufwirtschaft mehr ist als Optimierung.
Herr Janßen, Sie sind Mitbegründer und Geschäftsführer von Cradle to Cradle (C2C) NGO - welche konkreten Ziele verfolgen Sie mit Ihrem Team bei C2C?
Cradle to Cradle NGO ist der Beschleuniger für das ganzheitliche Kreislaufprinzip Cradle to Cradle. Unser Ziel ist, dass C2C im Denken und im Handeln von morgen selbstverständlich wird. Als gemeinnützige Organisation tragen wir Cradle to Cradle dazu durch Bildungsarbeit, Vernetzungsformate und Transformationsprojekte in die Gesellschaft und bringen so Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Politik, Kultur und Zivilgesellschaft an einen Tisch. Wir organisieren unter anderem den C2C Congress, die weltweit größte Plattform für Cradle to Cradle und Circular Economy – der in diesem Jahr übrigens sein 10. Jubiläum feiert. 2019 haben wir das C2C LAB in Berlin aufgebaut und es seit 2025 auf 500 Quadratmeter erweitert. Im Projekt Labor Tempelhof haben wir sechs nach C2C optimierte Großkonzerte von Die Ärzte und Die Toten Hosen in Berlin umgesetzt. Rund 1.000 Ehrenamtliche tragen unsere Botschaften im deutschsprachigen Raum weiter. So machen wir Wandel erlebbar und zeigen, was heute bereits möglich ist.
Was treibt Sie persönlich an "Beschleuniger für Cradle to Cradle" zu sein?
Als ich die NGO 2012 gemeinsam mit Nora Sophie Griefahn gründete, war Cradle to Cradle in der Forschung bekannt und auch Unternehmen beschäftigten sich bereits mit dem Ansatz. Aber in der Gesellschaft war C2C kaum präsent. Das wollten wir ändern. Was mich damals wie heute antreibt: Ich möchte zur Lösung der komplexen Herausforderungen der Klima- und Ressourcenkrise beitragen und C2C ist dafür ein ganzheitlicher Ansatz. Wir versuchen als Gesellschaft an vielen Stellen bereits weniger schädlich zu sein oder möglichst klimaneutral zu handeln. Doch das Kernproblem der linearen Wirtschaftsweise werden wir nur lösen, wenn wir uns stattdessen zum Ziel setzen, Produkte und Prozesse so zu gestalten, dass sie ökologisch, ökonomisch und sozial positive Auswirkungen haben. Cradle to Cradle sieht den Menschen als Teil der Lösung, der durch sein Handeln einen positiven Fußabdruck hinterlassen kann. Heute bewegt sich viel und Cradle to Cradle ist in hunderten Unternehmen und kommunalen Projekten gelebte Praxis. Dennoch bleiben Aufklärung und Austausch wichtig, da der Rückenwind nicht immer konstant ist.
Gesellschaftlich betrachtet, welche Notwendigkeit und Potentiale sehen Sie für eine Kreislaufwirtschaft?
Die lineare Wirtschaft führt zu großen Abfallmengen, dem Verlust wertvoller Rohstoffe und den bekannten hohen Treibhausgasemissionen. Angesichts zunehmender Rohstoffknappheit können wir es uns nicht mehr leisten, Ressourcen auf diese Weise zu verschwenden, speziell als rohstoffarmes Land. Wir stellen nach wie vor Produkte her, die krank machen und der Umwelt schaden, weil sie nicht für ihren jeweiligen Verwendungszweck gestaltet sind und beispielsweise Mikroplastik oder Feinstaub freisetzen. Die lineare Wirtschaft hat also auch ganz konkrete negative soziale Auswirkungen. Aus diesen und noch mehr Gründen braucht es eine echte Kreislaufwirtschaft nach Cradle to Cradle, denn Recycling und Kreislaufwirtschaft im Sinne eines optimierten Abfallmanagements greifen zu kurz. Wenn wir Materialien nicht für eine kontinuierliche Kreislaufführung designen, sondern uns damit zufriedengeben, lineare Produkte ein paar Mal im Umlauf zu halten, dann entsteht am Ende eben trotzdem Müll. Wir verschieben das Problem also höchstens in die Zukunft, lösen es aber nicht.
C2C versteht Müll als Designfehler. Daher werden C2C-Produkte von Anfang an so gestaltet, dass alle Materialien und Komponenten kontinuierlich in biologischen oder technischen Kreisläufen zirkulieren können. Entscheidend ist dabei der ganzheitliche Ansatz. Soziale, ökologische und ökonomische Aspekte werden konsequent zusammengedacht. Materialgesundheit, faire Arbeitsbedingungen und erneuerbare Energien sind wichtige Bestandteile von C2C.
So entlastet C2C das Gesundheitssystem, fördert gute und sichere Arbeitsplätze, schützt und fördert unsere natürlichen Lebensgrundlagen und steigert spürbar die Lebensqualität. Auch der unvermeidliche Verlust wertvoller Rohstoffe in der linearen Wirtschaft sowie die dadurch entstehenden finanziellen Einbußen und Abhängigkeiten von anderen Ländern reduzieren sich. Zugleich entstehen neue Wettbewerbsvorteile durch den Erhalt von Rohstoffen sowie neue Geschäftsmodelle. Es entsteht Mehrwert für Mensch und Umwelt. Nur so lösen wir die größten Herausforderungen unserer Zeit.
Wenn Sie an die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie denken, wo stehen wir in Deutschland auf unserer Reise zu einer zirkulären Wirtschaft?
Mit der Verabschiedung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie wurde ein wichtiges Fundament gelegt. Sie setzt einen bedeutenden ersten Impuls und greift zentrale Hebel auf – etwa die Schlüsselrolle von Design und die öffentliche Beschaffung. Wir sollten die NKWS als gesamtgesellschaftliche Zukunftsstrategie verstehen, die Ressourcen, Klimaschutz, Biodiversität, Wirtschaft, Sozialpolitik und Gesundheit miteinander verknüpft. Ziel darf nicht sein, lediglich die negativen Auswirkungen der linearen Wirtschaft zu mindern. Als politischer Rahmen ist eine solche Strategie daher unverzichtbar, um den Wandel voranzutreiben. Leider droht das Thema im politischen Alltag in den Hintergrund gerückt zu werden, wie die Verzögerung beim Aktionsprogramm zeigt, das die Umsetzung beschleunigen soll. Entscheidend ist aber auch eine rasche Umsetzung. Wenn die NKWS dann künftig noch weiterentwickelt und konkretisiert wird, kann sie die Voraussetzungen schaffen, dass unsere Gesellschaft nicht nur weniger Schaden verursacht, sondern wirklich zukunftsorientiert handelt und wirtschaftet.
Was können Sie uns (dem circulee Team) im Kampf gegen Elektroschrott mitgeben?
Aus C2C-Sicht ist es wichtig, dass wir aufhören, Abfall als unvermeidbares Entsorgungsproblem zu sehen. Auch Elektroschrott ist ein Designfehler. Refurbishment und Reparaturmöglichkeiten sind wichtige Bausteine im Kampf gegen Elektroschrott und zudem noch zukunftsfähige Geschäftsmodelle. Diese Ansätze werden aus unserer Sicht richtig wirksam, wenn Geräte dafür designt sind: modular, sortenrein trennbar statt verklebt und in mindestens gleichbleibender Qualität wiederverwendbar. Außerdem sollten wir auch in der Elektronikbranche den Blick über die Reduktion von Treibhausgasen und Energieeffizienz hinaus richten und Zusammenhänge neu denken. Digitale Produktpässe, kreislauffähige Materialien, faire Lieferketten und zukunftsfähige Geschäftsmodelle dürfen keine Ausnahmen bleiben. Erste Ansätze sind bereits vorhanden. Nun geht es darum, diese schneller in die Breite zu tragen.
Vielen herzlichen Dank, Herr Janßen, für die spannenden Gedanken, den Einblick und Ihr kontinuierliches Engagement für eine zukunftsfähige Wirtschaftsweise.
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