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Warum zirkuläres Bauen zum Standard werden muss – Ein Gespräch mit Dominik Campanella
Veröffentlicht am 3. März 20264 min Lesezeit

Dominik Campanella, Geschäftsführer und Mitgründer von Concular, im Interview mit circulee über zirkuläres Bauen
In der Bauwirtschaft werden jedes Jahr große Mengen intakter Materialien entsorgt – während an anderer Stelle neue produziert werden.
Mit unserer Reihe #StrongerInCircles sprechen wir mit Menschen, die genau hier ansetzen und Kreislaufwirtschaft in praktikable Systeme übersetzen.
Wir sprechen mit Dominik Campanella, Geschäftsführer und Mitgründer von Concular –
über selektiven Rückbau, die Entwicklung der DIN SPEC 91484 und um die Frage, warum wiedergewonnene Bauteile qualitativ keineswegs schlechter sind – und langfristig zum Standard werden könnten.
Dominik, wie bist Du zur Kreislaufwirtschaft gekommen? Gab es einen Moment oder eine Erfahrung, die Deinen Blick auf Bauen und Materialien verändert hat?
"Ein prägender Moment war, als einer meiner Mitgründer auf Baustellen Folgendes beobachtete: Auf der einen Seite wurden vollkommen intakte, wertvolle Materialien aus abgerissenen Gebäuden geschafft und entsorgt. Und nur zwei Straßen weiter wurden exakt diese Materialien für ein anderes Projekt wieder eingebaut – aber eben komplett neu produziert. Das war völlig unsinnig! Wir wollten dieses Angebot und die Nachfrage matchen und haben daraufhin restado gegründet. Heute haben wir auf dieser Plattform über 1.000.000 Materialien im Angebot."
Was wolltet Ihr mit Concular verändern?
"Wir wollten die eigentliche Infrastruktur für das zirkuläre Bauen schaffen. In der Baubranche hilft es nicht, nur einen kleinen Teilbereich neu zu denken – es geht darum, die immense Komplexität für alle Beteiligten zu reduzieren. Dafür muss die gesamte Wertschöpfungskette abgebildet werden. restado „matched“ im Grunde nur Käufer und Verkäufer. Aber ein großes Bauvorhaben benötigt viel mehr: Die Bauherren brauchen die richtige Menge an Material, in der richtigen Qualität, zum exakt richtigen Zeitpunkt und vor allem mit Gewährleistung! Genau das bieten wir heute mit Concular und unseren 70 Mitarbeitenden an 6 Standorten an. Wir haben eigene Lagerhallen, maßgeschneiderte Versicherungen und die nötige Logistik. Nur mit dieser kompletten Infrastruktur schaffen wir es, wiedergewonnene Bauteile auf die exakt gleiche Stufe wie neue Materialien zu heben."
Wie können wir uns ein Bauprojekt vorstellen, das nach Prinzipien der Kreislaufwirtschaft geplant wird? Was läuft dort vom Start bis zur Umsetzung anders?
"Es beginnt ganz am Anfang mit der Bestandserfassung. Für diesen Prozess haben wir eine eigene Industrienorm entwickelt: die DIN SPEC 91484 für sogenannte Pre-Deconstruction Audits (PDAs). Dabei werden die Materialien von Bestandsgebäuden, die vielleicht noch auf dem Baufeld stehen, systematisch erfasst. Diese Materialien werden dann quasi direkt in die Planung des Neubaus mit eingedacht. Ein schönes Beispiel dafür ist unser Projekt in der ICE-City Erfurt, wo durch selektiven Rückbau die Materialien des Altbestands gerettet und für eine neue Nutzung gesichert werden."
Könnt Ihr uns von ein oder zwei echten Projekten erzählen, die besonders zeigen, wie Circularity in der Praxis funktioniert?
"Zwei Projekte zeigen unsere Arbeit derzeit sehr gut: Zum einen die eben erwähnte ICE-City in Erfurt. Dort zeigen wir ganz praktisch, wie ein selektiver Rückbau funktioniert – also wie man Gebäude nicht einfach abreißt, sondern wertvolle Bauteile systematisch demontiert und im Kreislauf hält. Ein weiteres absolutes Leuchtturmprojekt für zirkuläres Bauen im großen Maßstab ist das „Forum Königsbrunn“ in Bayern. Dort wurde Zirkularität zum zentralen Leitprinzip gemacht. Anstelle eines pauschalen Abrisses wurde gezielt geschaut, wie bestehende Strukturen und Materialien erhalten oder wiedereingesetzt werden können. Solche Projekte beweisen, dass unser System nicht nur im Kleinen, sondern auch bei riesigen Bauvorhaben funktioniert."
Was hält die Bauwirtschaft aktuell davon ab, schneller zirkulär zu werden? Und welche Rolle spielt Regulierung dabei – bremst sie eher oder hilft sie, Tempo aufzunehmen?
"Das größte Hemmnis ist oft gar nicht die harte Gesetzgebung, sondern schlichtweg die Angst vor dem „Neuen“ – also die Vorbehalte gegenüber wiedergewonnenen Materialien. Da fehlt in der Branche manchmal noch das Vertrauen. Was die Regulierung angeht, müssen wir die Förderlandschaft anpassen: Die Politik sollte gezielt Pre-Deconstruction Audits (PDAs) finanziell fördern und natürlich auch den konkreten Einsatz von wiedergewonnenen Materialien im Bauvorhaben subventionieren, um Anreize zu schaffen. Das könnte z.B. über die bisherige Bauförderung gemacht werden."
Was ist der größte Irrtum über zirkuläres Bauen, dem Du in Gesprächen mit Bauherr:innen oder Entscheider:innen immer wieder begegnest?
"Der absolute Hauptirrtum ist, dass wiedergewonnene Materialien eine schlechtere Qualität hätten. Das Gegenteil ist der Fall! Als wir unsere Versicherung für gebrauchte Bauteile entwickelt haben, haben wir uns zahlreiche Gewährleistungsfälle der Branche angeschaut. Wir haben festgestellt: Wiedergewonnene Materialien haben viel weniger Mängel. Warum? Weil die allermeisten Mängel bei Bauteilen kurz nach der Neuproduktion durch Produktionsfehler auftreten. Wenn ein Material aber bereits jahrelang in einem Gebäude verbaut war und einwandfrei funktioniert hat, hat es den ultimativen Qualitätstest in der Praxis längst bestanden. Nur die besten Teile werden überhaupt wieder eingebaut. Sie sind günstiger, qualitativ hochwertiger, haben die gleiche Gewährleistung und verursachen 95 % weniger CO₂. Man muss sich eigentlich fragen: Was spricht überhaupt noch dagegen?"
Wenn wir uns in zehn Jahren noch einmal unterhalten: Wie würdest Du Dir wünschen, dass die Baubranche dann aussieht?
"Meine Vision ist: Wir reden dann gar nicht mehr explizit über „zirkuläres Bauen“, weil Zirkularität der absolute Standard geworden ist – genau so, wie es heute die Energieeffizienz ist. Heute diskutiert auch niemand mehr darüber, ob man ein Haus dämmen sollte oder ob man ein Fenster mit Doppelverglasung einbaut, weil es schlicht die Norm ist. Genau da werden wir in zehn Jahren auch beim Thema Materialwiederverwendung sein. Es wird einfach der Standard sein."
Vielen Dank, Dominik, für Deine Zeit und für die klare Perspektive auf zirkuläres Bauen – und für Eure Arbeit, um Zirkularität zum neuen Standard zu entwickeln.
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