Stronger In CirclesExperteninterviewKreislaufwirtschaft
Zwischen Kreislauf-Ambition und Wirtschaftsrealität – Ein Gespräch mit Patrick Hypscher
Veröffentlicht am 9. Juni 20264 min Lesezeit

Patrick Hypscher – Circular Business Experte
Kreislaufwirtschaft scheitert selten an der Kreislauf-Ambition. Sie scheitert an der Wirtschafts-Realität.
Mit unserer Reihe #StrongerInCircles sprechen wir mit Menschen, die Circularity nicht nur diskutieren, sondern in Strukturen übersetzen: in Geschäftsmodelle, in Produkte, in Investitionsentscheidungen - und in die operative Realität von Unternehmen.
In dieser Ausgabe sprechen wir mit Patrick Hypscher, Host von Circularity.fm – dem Podcast über das Verstehen, Aufbauen und Betreiben zirkulärer Geschäftsmodelle. In über 100 Folgen spricht Patrick mit GründerInnen, ManagerInnen und InvestorInnen über die Zahlen, Trade-offs und Methoden hinter zirkulären Geschäftsmodellen. In Serien wie Irresistible Circular Business zeigt er an konkreten Unternehmen, wie Zirkularität in der Praxis wirtschaftlich funktioniert – von Circular Design, Recyclaten für Premium-Marken bis zu Product-as-a-Service.
Das Gespräch zeigt, warum Kreislaufwirtschaft nur auf wirtschaftlichem Wege gelingt, wo Deutschland 2026 zwischen Anspruch und NKWS-Zielen wirklich steht und weshalb ausgerechnet die Industrien mit den wertvollsten Produkten beim Thema Zirkularität vorne liegen.
Patrick, Du bist Experte für Kreislaufwirtschaft und berätst Unternehmen zu dem Thema. Wie sieht Deine Arbeit aus und wie bist Du dazu gekommen Kreislaufwirtschaft zu Deinem Beruf zu machen? Was treibt Dich an?
Ich hatte das Privileg, für Bosch Siemens Hausgeräte ein zirkuläres Product-as-a-Service Angebot in Deutschland und Holland aufbauen zu dürfen. In dieser Zeit habe ich meine Liebe zur Kreislaufwirtschaft entdeckt.
Wenn wir besser mit unseren Ressourcen umgehen möchten, kann dies nur auf wirtschaftlichem Wege gelingen. Kein Unternehmen kann überleben, wenn es dauerhaft mit Kreislaufwirtschaft Verluste schreibt. Um Gewinn zu erwirtschaften, braucht es nicht zwingend ganz neue zirkuläre Geschäftsmodelle, sondern zirkuläre Geschäftspraktiken. Mit diesen beschäftige ich mich tagtäglich.
Im Zentrum meiner Arbeit als Interim-Manager und Berater steht die Frage, wie kreislauffähiges Wirtschaften auch profitabel sein kann. Mitunter hilft die Regulierung, oftmals ist sie aber hinderlich. Dennoch Wege zu finden, spornt mich an.
Nebenher betreibst Du Circularity.fm. Welches Ziel verfolgst Du mit dieser Plattform?
Circularity.fm, der Podcast über zirkuläre Geschäftsmodelle, ist aus meiner Neugier zum Thema entstanden. Wie funktionieren sie? Wie baue ich eins auf? Wie betreibe ich es? Zahlreiche Menschen haben mit zirkulären Geschäftsmodellen bereits Erfahrung gesammelt. Ich möchte verstehen, was bei ihnen funktioniert hat. Aber es geht mir auch um Unterstützung für die Community.
Um interne Stakeholder sowie Partner und Kunden von neuen Lösungen zu überzeugen, braucht es Beispiele. Ich habe oft erlebt, wie mir Skeptiker erst dann zuhören, wenn sie sehen, dass andere Unternehmen etwas Ähnliches bereits erfolgreich betreiben. Circularity.fm liefert genau die Einblicke und Beispiele, die Pioniere verwenden können, um andere von ihrem Weg zu überzeugen.
Wie würdest Du den Stand der Kreislaufwirtschaft in 2026 in Deutschland beschreiben und wie blickst Du auf die Ziele der NKWS?
Das Glas ist gleichermaßen halb voll und halb leer.
Es ist halb voll, da es in Deutschland zahlreiche Personen und Unternehmen gibt, die sich mit kreislauffähigen Produkten am Markt durchsetzen. Produkte von deutschen Unternehmen zeichnen sich durch hohe Qualität und lange Lebensdauer aus. Viele Menschen arbeiten jeden Tag daran, diese Position weiter auszubauen.
Gleichzeitig gibt es Menschen, die die unternehmerischen und volkswirtschaftlichen Potenziale noch nicht sehen. Mitunter ist das einzig zirkuläre der Weg des schwarzen Peters: Skeptische Unternehmen beklagen widrige regulatorische Rahmenbedingungen. Und veränderungsscheue PolitikerInnen befürchten wirtschaftliche Nachteile durch eine kreislauffreundlichere Regulierung.
Dabei steht außer Zweifel, dass eine sinnvolle Ausgestaltung der Marktregeln sowohl den Ressourcenverbrauch reduzieren als auch den Wohlstand mehren kann. Und das gilt auch für viele Unternehmen.
Die öffentliche Hand nutzt hier weiterhin nicht das Potential, was sie hat, um durch mehr Nachfrage nach zirkulären Produkten und Services eine Kostendegression herbeizuführen, die Unternehmen in Deutschland in eine bessere Wettbewerbssituation bringen könnte. Es bleibt noch genug Überzeugungsarbeit zu tun.
Welche Industrie-Zweige oder Sektoren machen die schnellsten Fortschritte hinsichtlich Zirkularität?
Die Industries mit den wertvollsten Assets machen die schnellsten Fortschritte. Die Geschwindigkeit ist hoch, wenn sich Zirkularität wirtschaftlich rechnet: Die Reparatur oder Wiederaufbereitung rechnet sich bei Flugzeugen und Autos mehr als bei Möbeln und Bekleidung - das ist eine direkte Folge des Preises der Produkte.
So sind viele zirkuläre Praktiken schon so tief in unserem Alltag verankert, dass wir sie gar nicht mehr als solche wahrnehmen. T-Shirts werden mehrfach getragen, Autos werden jahrelang repariert, Häuser werden renoviert - all dies sind selbstverständliche zirkuläre Praktiken.
Zusätzlich entsteht Geschwindigkeit gerade dort, wo sich Märkte verändern: der Digitale Produktpass, Erweiterte Herstellerverantwortung, kritische Rohstoffe, gestörte Lieferkette. Die innovativen, voraus denkenden Unternehmen sind schon heute darauf vorbereitet. Andere ziehen notgedrungen nach.
Was sind Deine Gedanken zu den Entwicklungen in der Refurbished-IT / Electronics Industrie?
Die Electronics Industrie ist in vielerlei Hinsicht ein gutes Beispiel für die Performance Economy. Es zählt, was ein Produkt leistet, nicht, was es ist. Musikstreaming hat sich gegenüber CDs durchgesetzt, weil es uns um die Musik und nicht den Datenträger geht. Refurbished IT wird nachgefragt, weil Kunden die garantierte Funktionalität und nicht “Neu” als Selbstzweck wichtig ist. Genau diese Logik - Nutzung statt Besitz - habe ich in meiner Podcast-Serie PaaS Decoded in 17 Folgen mit Unternehmen analysiert, die damit erfolgreich sind.
Gerade im B2B-Geschäft kann diese Diskussion über Besitz versus Nutzung emotionsloser geführt werden und sorgt somit für Skaleneffekte, von denen dann auch PrivatnutzerInnen profitieren. Damit werden refurbished Smartphones, Laptops und Spielekonsolen auch für die privaten NutzerInnen erschwinglich. Das hilft den Kunden, der ReTech-Industrie und spart Ressourcen.
Vielen Dank, Patrick, für Deine Zeit, Deine wertvolle Arbeit und Deinen langjährigen Einsatz für die Weiterentwicklung zirkulärer Geschäftsmodelle. Danke auch für die Einblicke in die wirtschaftlichen Zusammenhänge, Chancen und Herausforderungen, die darüber entscheiden, wie Kreislaufwirtschaft vom Konzept zur breiten Praxis werden kann.
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