ExperteninterviewStronger In CirclesKreislaufwirtschaft
Warum Kreislaufwirtschaft als Geschäftsmodell gedacht werden muss – Ein Gespräch mit Florian Fehr
Veröffentlicht am 17. Feb. 20265 min Lesezeit

Florian Fehr, Managing Director von NEEW Ventures – Im Gespräch zur Kreislaufwirtschaft
Echte Kreislaufwirtschaft entsteht nicht nur durch gute Absichten.
Sie entsteht dort, wo Verantwortung, Infrastruktur und wirtschaftliche Logik zusammenkommen.
Mit unserer Reihe #StrongerInCircles sprechen wir mit Menschen, die Circularity nicht nur diskutieren, sondern in Strukturen übersetzen: in Geschäftsmodelle, in Technologien, in Investitionsentscheidungen – und in die operative Realität von Unternehmen.
In dieser Ausgabe sprechen wir mit Florian Fehr, Managing Director von NEEW Ventures. Als Corporate Venture Builder, hervorgegangen aus EEW Energy from Waste, entwickelt NEEW Ventures neue Unternehmen rund um Abfall, Ressourcen und Circularity. Der Anspruch ist klar: Innovation nicht als Strategiepapier, sondern als umgesetztes Geschäftsmodell – mit direktem Zugang zur Industrie, zu Daten und zu realen Anwendungsfällen.
Das Gespräch zeigt, warum Daten über Abfallströme zum wirtschaftlichen Hebel werden, wie Venture Building in einer stark regulierten Infrastrukturbranche funktionieren kann – und weshalb Circularity nur dann skaliert, wenn sie ökologisch und ökonomisch zugleich überzeugt.
Florian, wie bist Du persönlich zur Kreislaufwirtschaft gekommen? Gab es einen Moment, der Deinen Blick verändert hat?
"Bei mir war das kein „Ich wache auf und bin Circularity-Mensch“-Moment, sondern eher ein Weg über Stationen, bis es inhaltlich klick gemacht hat.
Ich habe lange sehr funktional an Aufgaben der Unternehmensentwicklung gearbeitet: Teams aufbauen, Commercial Ops, Geschäftsmodelle entwickeln. Das konnte ich und es hat mir Spaß gemacht. Aber ich hatte immer wieder auch Phasen, in denen ich gemerkt habe: Welches Problem löse ich hier eigentlich?
Dabei hat mich vor allem meine Viessmann-Zeit geprägt: Dort wurde und wird eine sehr klare Verknüpfung aus ökologisch und ökonomisch gelebt. Der Anspruch „for generations to come“ hat mich sehr abgeholt. Wenn man dann – wie ich – selbst Kinder hat, bekommt diese Verantwortung nochmal eine andere Priorität. Ich wusste: Ich will beruflich nur noch Dinge machen, die für die nächste Generation sinnvoll sind.
Und dann war NEEW Ventures für mich der logische nächste Schritt: Impact nicht als Claim, sondern als Geschäftsmodell. In einem Bereich, in dem Wandel Kettenreaktionen auslösen kann: Abfallströme, Abfallinfrastruktur, Ressourcenverwendung."
Was war der konkrete Anlass für die Gründung von NEEW Ventures? Und was hast Du im Ökosystem vermisst?
"NEEW Ventures ist aus Deutschlands führendem deutschen thermischen Abfallverwerter EEW Energy from Waste hervorgegangen. Rund 5 Mio. Tonnen Abfall verwertet das Unternehmen pro Jahr. Die Erkenntnis war in der Gruppe da, dass das mit einer großen Verantwortung und Potenzial einhergeht. Digitalisierung darf nicht nur die Einführung von Copilot sein – da steckt mehr drin.
Der konkrete Anstoß war die Frage: Wie schaffen wir echte Innovation und neue Geschäftsmodelle rund um Waste, bzw. Circularity und nicht nur Prozessoptimierung?
Und daraus kam die Venture-Building-Logik: Wir bauen mit dem beschleunigenden Faktor des Industriezugangs im Rücken – in Bezug auf zum Beispiel Know-how, Daten oder reale Use Cases – von der grünen Wiese neue Unternehmen. Dabei versuchen wir natürlich auch, für unser Corporate Mehrwert zu liefern. EEW war beispielsweise der erste große Kunde unseres ersten Ventures Wasteer.
Für uns hat es im Ökosystem an Umsetzung von Innovation gefehlt. Nicht nur Ideen-Feuerwerk oder Problemerkennung – auch beides wichtige Aspekte –, sondern ein Setup, das von der Idee bis zur Ausgründung wirklich durchzieht. Vom Teamaufbau über das Produkt, Kundenrecherche und Go-to-market bis zum Rollout und darüber hinaus."
Wo siehst Du aktuell besonders viel ungenutztes Innovationspotenzial?
"Abfall muss branchen- und gewerkeübergreifend als Ressource verstanden werden. Damit das gelingt, ist es ein enorm wichtiger Baustein, den Abfall in Daten zu übersetzen.
Wer in der Abfall- und Kreislaufwirtschaftindustrie unterwegs ist, merkt schnell, wie viel Wert eigentlich in Stoffströmen steckt – und wie wenig davon systematisch sichtbar ist. Transparenz ist aber enorm wichtig, um Stoffströme zu steuern und mit ihnen Wert zu schöpfen.
Ein sehr konkretes Beispiel aus unserem ersten Venture Wasteer: Wir nutzen mit Kameratechnik gepaarte KI-gestützte Software, um Abfallströme in Abfallverwertungsanlagen zu analysieren und zu erkennen, was angeliefert und gelagert wird. Da geht es um Störstoffe, wie Lithium-Ionen-Akkus, Lachgasflaschen, die die Anlage gefährden, aber auch darum, den Anlagen eine bessere Übersicht über ihre Heizwerte zu geben. Das gab es so „out of the box“ nicht und der Hebel ist riesig: Sicherheit, Effizienz, Qualität, Kosten."
Was ist der Circularity Hub – und warum war Euch dieses Format wichtig?
"Der Circularity Hub ist für uns im Kern ein Ökosystem-Baustein. Ein Format, das Gründerinnen und Gründer, Industrie, Tech und Circularity Community zusammenbringt. Du, Thomas, bist ja für Circulee auch regelmäßig bei Veranstaltungen des Hubs dabei. Und es sind wirklich alle herzlich eingeladen, die sich für die Kreislaufwirtschaft einsetzen.
In unserer Rolle als Corporate Venture Builder geht es dabei auch darum, EEW mit Gründerinnen und Gründern und Innovationstreibern zu verknüpfen. Davon profitieren beide Seiten – und wir als NEEW Ventures können Brückenbauer sein.
Wir haben den Circularity Hub ausgehend von unserem Impact-Verständnis gegründet. NEEW Ventures ist nicht nur eine Gründungsmaschine. Unser Job ist nicht getan, wenn genügend Eintragung beim Notar erfolgt sind. Wir bleiben bei unseren eigenen Ventures involviert und wollen zusätzlich ein Umfeld schaffen, in dem sowohl die eigenen Unternehmen wachsen und gedeihen als auch die Zahl der erfolgreichen Innovatoren insgesamt steigt. So maximieren wir unseren Impact. Wichtig ist, dass Circularity und zukunftsfähige Abfallwirtschaft keine Buzzwords bleiben."
Regulierung: Wo ist sie hilfreich – und was braucht es, damit sie als Gestaltungsraum verstanden wird?
"Abfall und Kreislaufwirtschaft sind kritische Infrastruktur. Daher ist in unserem Bereich in meinen Augen vieles zu Recht reguliert. Am Ende geht es um große Risiken und um Bereiche, die uns alle betreffen: Brandgefahr, Materialqualität, Umweltschutz, Ressourceneffizienz und vieles mehr.
Für unsere Arbeit ist Regulierung dann hilfreich, wenn sie zum Beispiel Standards setzt, die Vertrauen, Verlässlichkeit und Planbarkeit schaffen. In unserem Bereich ist beispielsweise die Abfalldefinition da immer wieder ein schwieriges Thema. Es ist wichtig, dass wir, wenn wir an Geschäftsmodellen arbeiten, die Gegebenheiten vorfinden, die für einen überschaubaren Zeitraum berechenbar sind.
Am Beispiel vom Kreislaufwirtschaftsgesetz sieht man auch, wie wichtig gesetzliche Regulatorik ist, um dabei zu unterstützen, ein Thema, dessen Bedeutung vielleicht nicht allen klar ist, von dem aber alle profitieren, voranzutreiben. Es ist sicherlich nicht perfekt, leistet aber einen wichtigen Beitrag dazu, dass Abfall nicht mehr nur linear gedacht und Abfallvermeidung stärker priorisiert wird. Wir versuchen immer mal wieder Regulatorik auch als Chance zu sehen, nicht nur als Hürde.
Damit sie als Gestaltungsraum wahrgenommen wird, braucht es Zielklarheit statt Mikromanagement. Es sollte vorgegeben werden, was erreicht werden soll, aber gleichzeitig kein Korsett entstehen, in dem es keinen Spielraum für Experimente mehr gibt. Praxisnähe ist natürlich auch ein großes Thema. Regeln müssen anschlussfähig an reale Anlagen- und Stoffstrom-Realitäten sein, dafür ist der direkte Austausch mit der Industrie entscheidend."
Was funktioniert heute schon besser, als viele vermuten – und was fehlt noch, damit es wirtschaftliche Normalität wird?
"Die Branche ist viel weniger zurückhaltend gegenüber technologischem Fortschritt als ihr Ruf. Wenn du ein echtes Problem löst, ist die Bereitschaft für Innovation groß. Das sehen wir bei Wasteer sehr konkret: Das Thema ist nicht „nice to have“, sondern operational relevant – und deshalb skalierbar. Und: Die Beobachtung ist international. Wir sind mit Wasteer nicht nur in Deutschland aktiv, sondern zum Beispiel auch bei Kunden in England, Polen, Italien und Norwegen. Überall ist man bereit, Innovation anzunehmen und den nächsten Schritt zu gehen.
Aber auch unsere anderen beiden Ventures Minimise, eine Elektroschrott Recirculation Plattform und ReCircle Impact, eine KI-basierte App zu Erfassung und Wiederverwertung ungenutzter Gegenstände in Lagern und Haushalten, standen jeweils innerhalb kürzester Zeit auf festen Beinen. Das Interesse an Abfallvermeidung, Recycling und Ressourcenschonung ist sowohl B2B als auch B2C groß.
Um das zu nutzen und Circularity zur wirtschaftlichen Realität zu machen, muss es uns besser gelingen, Proof-of-Concepts und Pilotprojekte nicht in der Schublade verschwinden zu lassen, sondern darauf aufzubauen. Wir brauchen immer noch mehr Rollout. Noch mehr Mut und vielleicht auch Pragmatik, neue Geschäftsmodelle auf die Straße zu bringen.
Dazu gehört auch, dass wir Circularity nicht als reines Nachhaltigkeitsprojekt denken dürfen. Wer etwas bewegen will, muss einen klaren Business Cases schaffen. Je profitabler Circularity in verschiedensten Bereichen wird – und nicht nur moralisch richtig – desto wahrscheinlicher ist es, dass aus einzelnen Projekten echter Fortschritt entsteht. Genau diese Kombination aus ökologisch und ökonomisch ist für mich der Kern."
Vielen Dank, Florian, für Deine tolle Arbeit und die ehrlichen Einblicke – und dafür, dass Du Circularity so konsequent als Geschäftsmodell denkst.
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